Am Sonntagmorgen, 03.10.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

„Man muss durch den finsteren Tunnel gewandert sein.“ Thérèse von Lisieux und der schweigende Gott

© CC0

Thérèse von Lisieux wollte schon als Kind eine Heilige werden. Sie entschied sich für den – wie sie es nannte – „kleinen Weg“ des Glaubens. Am Ende standen dort große Zweifel: Jesus nannte sie einen Narr und sogar der Glaube an ein ewiges Heil bei Gott schien ihr abhanden gekommen zu sein. Genau daraus entwickelte sich ihre Stärke im Glauben an Gott.

Seit die kleine Nonne Thérèse 1897 im Kloster von Lisieux in der Normandie starb, gilt sie als Inbegriff von frommem Kitsch. Verzückt lächelnd lässt sie vom Himmel her Rosen auf die Erde regnen. Die entsprechenden Ölgemälde hängen in Kathedralen und Dorfkirchen.

Ihre sentimentale Autobiografie mit dem Titel „Geschichte einer Seele“ ist in mehr als 60 Sprachen und Dialekten verbreitet; ihr Orden wollte das Buch eigentlich „Vorübergang eines Engels“ nennen.

Mittlerweile ist es gelungen, die Originalfassung dieser Autobiografie wiederherzustellen. Wer die Lebensgeschichte von Thérèse in ihrer ursprünglichen Gestalt liest, befreit von den vielen Glättungen und Verharmlosungen, die ihre Mitschwestern damals vornahmen, der wird aufregende Entdeckungen machen.

Geplagt von Glaubenszweifeln

Die Kitschfigur Thérèse von Lisieux entpuppt sich als Musterexemplar ganz moderner Gotteszweifel und Identitätskrisen. Plötzlich erscheint sie als Weggefährtin skeptischer Menschen.

© Gemeinfrei

Sie ist erst 24, als die Tbc ihre Lungen zerstört und ihr Leben auslöscht. Auf dem Sterbebett quälen sie Erstickungsanfälle, Hungerfantasien, Selbstmordgedanken. Und die ärgsten Glaubenszweifel, die man sich vorstellen kann.

„Ich kann nicht beten.“

Gesteht sie kurz vor ihrem Tod. Schlimmer noch, der Himmel verschließe sich ihr mehr und mehr:

„Ich glaube nicht an das ewige Leben, es scheint mir, dass es nach diesem sterblichen Leben nichts mehr gibt.“

„Meine Seele ist in einem schwarzen Loch“

Eine junge Mitschwester widerspricht entsetzt, das könne nicht sein, Thérèse schreibe doch so wunderschöne Gedichte und fromme Theaterstücke! Die todkranke Nonne entgegnet müde:

„Ich besinge, was ich glauben will, doch ohne jede Empfindung.“ 

„Sehen Sie dort unten das schwarze Loch, wo man nichts mehr unterscheiden kann?“

Fragt sie eine Besucherin und zeigt mit zitternder Hand auf eine finstere Stelle unter den Kastanienbäumen im Klostergarten von Lisieux.

„In einem solchen Loch bin ich mit Seele und Leib. O ja, was für eine Finsternis!“

„Man muss durch diesen finsteren Tunnel gewandert sein, um zu wissen, wie dunkel er ist. Die Stimme der Gottlosen annehmend, scheint die Finsternis mich zu verhöhnen und mir zuzurufen: Du träumst von Licht, von einer mit lieblichen Wohlgerüchen durchströmten Heimat, du träumst von dem ewigen Besitz des Schöpfers all dieser Wunderwerke, du wähnst eines Tages den Nebeln, die dich umfangen, zu entrinnen! Nur zu, nur zu, freu dich über den Tod, der dir nicht, was du erhoffst, geben wird, sondern eine noch tiefere Nacht, die Nacht des Nichts.“

Wie konnte das passsieren?

Als Kind hat sie eine Heilige werden wollen. Bis zum Bischof, ja bis nach Rom ist sie gegangen, um die Erlaubnis zu bekommen, schon mit fünfzehn Jahren in den Karmelitenorden einzutreten.

Und jetzt? Was ist aus den himmelstürmenden Idealen geworden?

Lisieux, ein Provinzstädtchen in der Normandie, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Schwestern von Thérèse gingen alle ins Kloster. Der weltfremde Vater, ein Uhrmacher, und die geschäftstüchtige, aber melancholische Mutter wollten in ihrer Jugend ebenfalls Ordensleute werden.

Eine Kindheit wie unter einer Glasglocke, geprägt von Weltverachtung – und trotzdem entwickelt sich Thérèse zu einem quicklebendigen, fröhlichen jungen Mädchen mit Charme und Eigensinn.

Thérèses Beziehung zu Gott bewegt sich zunächst ganz in konventionellen Bahnen. Doch Stück für Stück befreit sie sich von den Frömmigkeitsmustern ihrer Epoche, setzt sie sich von der angstmachenden, freudlosen Religion ab, die damals Kanzeln und Katheder beherrschte. Auf einen männlichen „Seelenführer“ kann sie verzichten.

„Was mir wohltut, was mir hilft, das ist gar nicht das Zeug, das man uns erzählt.“

Stellt sie fest. Gegen die üblichen Drohpredigten setzt Thérèse die Botschaft von Gottes bedingungsloser, rettender Liebe. Nicht in der Angst vor Gottes Rache dürfe die Antwort auf die furchtbare Realität des Kreuzes bestehen, sondern in Liebe und Treue. 

Der „kleine Weg“ des Glaubens

Als sie es tatsächlich geschafft hat, in das Karmelkloster von Lisieux einzutreten – sie arbeitet in der Wäschekammer, in der Sakristei, im Speisesaal, an der Pforte –, sucht sie sich die am wenigsten sympathischen Mitschwestern als Freundinnen aus und erfindet den „kleinen Weg“ des Glaubens: aufmerksame Liebe im Alltag statt großmächtiger Tugendübungen, saubere Erfüllung der Ordensregel statt abenteuerlicher Bußwerke, ein einziger Schwung des Herzens auf Gott hin statt der tausend eifrig gezählten und registrierten „Öpferchen“, wie sie bei den Katholiken in Mode waren.

Glaube bedeute keine selbstverliebte, auf himmlischen Lohn rechnende Leistung, sondern Hingabe aus Vertrauen und Liebe.

„Einzig um Deiner Liebe willen“,

schreibt sie auf und so möchte sie leben: nach Gottes Maßstäben, um Gott Freude zu machen und andere Menschen zu ihm zu führen. Denn das wusste die kindlich schlichte Ordensfrau längst:

„Am Abend dieses Lebens werde ich mit leeren Händen vor Dir erscheinen, denn ich bitte Dich nicht, Herr, meine Werke zu zählen. All unsere Gerechtigkeit ist befleckt in Deinen Augen. Ich will mich also mit Deiner eigenen Gerechtigkeit bekleiden und von Deiner Liebe den ewigen Besitz Deiner selbst empfangen.“

Jesus, ein Narr?

Den Himmel kann man sich nicht verdienen, man bekommt ihn geschenkt. Diese Erkenntnis nimmt dem schüchternen, skrupelhaften Kind, das Thérèse einmal gewesen ist, die Angst und gibt ihm ein verwegenes Vertrauen.

Als ihre Schwester Pauline einmal jammert, sie habe solche Angst davor, einmal mit leeren Händen vor Gott zu erscheinen, entgegnet Thérèse eifrig: Ganz im Gegenteil! Sie freue sich darauf.

„Denn weil ich nichts habe, muss ich alles von Gott bekommen.“

Thérèses Liebe zu Jesus ist ein wenig verrückt wie jede echte Leidenschaft, das weiß sie schon. Aber hat sich nicht Jesus selbst ebenso närrisch benommen?

„Ja, es war eine Narrheit, auf die Suche nach armen, kleinen sterblichen Menschenherzen zu gehen, um in ihnen seinen Thron aufzurichten. Er war ein Narr, unser Vielgeliebter, da Er auf die Erde kam, um Sünder zu seinen Freunden zu machen, zu seinen Vertrauten, zu seinesgleichen.“

„Ich spiele auf der Spielbank der Liebe. Um Spekulationen kümmere ich mich nicht. Das besorgt Jesus für mich.“

In einer eigenartigen Doppelexistenz hatte diese bezaubernde Nonne an Kälte und Einsamkeit des Unglaubens teil und hielt doch gleichzeitig am Licht fest. Die fröhliche Nonchalance, mit der sie von Jesus spricht, ist nur die eine Seite.

Die andere, das ist die alltägliche Wüste mit ihrer tristen Mühsal, die sich so oft in ihren Briefen und Aufzeichnungen findet:

„Wenn man Jesus wenigstens noch fühlte, oh, man würde gern alles für ihn tun! Aber nein, er scheint tausend Meilen fern, wir sind mit uns selbst allein.“

„Jeden Trostes beraubt in den Finsternissen.“

„Jesus macht keine Anstalten, sich mit mir zu unterhalten.“ 

Der Glaube wächst durch die Krise

Aus den schwarzen Krisen ihrer Seele wächst ein gehärteter, erprobter, bewusster Glaube. Dass sie die auf Sicherheiten und naiver Selbstgewissheit basierende Frömmigkeit verlor, hat den echten, riskanten Glauben wachsen lassen.

Jetzt erst ist er möglich geworden, der Sprung ins Ungewisse aus lauter Liebe. Jetzt erst ist ihre Hingabe total, weil sie allein auf Vertrauen gegründet ist und keine andere Sicherheit hat als das früher einmal gegebene Wort des Geliebten, der jetzt so häufig schweigt:

Meine Freude ist es, Ihn lächeln zu sehen, während mein Herz in der Verbannung weilt.

Blutjung ist sie und schon auf dem Weg zur Mystikerin; bezaubernd ihre Gedichte, die Gebete sind:

„Mein Himmel, er ist in der kleinen Hostie verborgen ...
Diese Liebeseinigung, dieser unaussprechliche Rausch.
Sieh, das ist mein Himmel für mich! ...
Schlummern an Seinem Herzen, Seinem Antlitz ganz nahe,
Sieh, das ist mein Himmel für mich!“

In Thérèses Beziehung zu Gott verbindet sich das Vertrauen eines Kindes mit der Souveränität einer Liebhaberin. Gewissheiten, Garantien hat sie nicht nötig. Sie liebt, das genügt.

Thérèse und der Mordfall Pranzini

Vierzehn Jahre war sie alt, da gab es in Paris einen Aufsehen erregenden Mordprozess. Der 30-jährige Henri Pranzini war angeklagt, eine junge Frau von lockerem Lebenswandel, das Hausmädchen und dessen elfjährige Tochter kaltblütig erwürgt zu haben.

Die Zeitungen schilderten Pranzini als schönen Dämon, als Nihilisten und Abenteurer, Marienverehrer und Frauenhelden, hochintelligent, arrogant und rücksichtslos. Bis zur letzten Minute beteuerte er seine Unschuld, war aber nicht bereit, um sein Leben zu betteln. Man solle nur hingehen und aus seiner Haut Geldbörsen machen!

Es war eine Horrorgeschichte, wie geschaffen für die anständigen Bürger, die solche Geschichten brauchen, um sich die eigene Tugend bestätigen zu lassen und die Lust, am Schrecken moralisch verklären zu können.

Der Satan und die Guten, der Verlorene und die bewahrt Gebliebenen. Thérèse, das ist das Aufregende, machte dabei nicht mit. Die Vierzehnjährige erklärte Pranzini zu ihrem persönlichen Schützling, betete wochenlang um seine Bekehrung.

Aber sie tat das nicht in der gönnerhaften Pose der reinen Jungfrau, die sich zu einem Auswurf der Menschheit herabneigt, sondern in der erstaunlich frühreifen Solidarität mit einem Gefährdeten.

Keine Missionarin, sondern Freundin der Sünder

In einem der stärksten Texte ihrer Autobiografie wird sie sich später als Kumpanin der Ungläubigen schildern, als eine unter Gleichen am „Tisch der Sünder“ sitzend:

„Dein Kind aber, o Herr, hat Dein göttliches Licht erkannt, es bittet Dich um Verzeihung für seine Brüder, es ist bereit, das Brot der Schmerzen zu essen, solange Du es willst, und es will sich von diesem mit Bitternis beladenen Tisch, an dem die armen Sünder essen, nicht mehr erheben vor dem durch Dich bezeichneten Tag. Darf es daher nicht auch in seinem Namen, im Namen seiner Brüder sprechen: Erbarme Dich unser, Herr, denn wir sind arme Sünder!?“

Thérèse macht sich gemein mit den Sündern; sie sieht sich als ihre Schwester, nicht als ihre Missionarin; sie will am Tisch der Zweifler ausharren, nicht bloß einen unverbindlichen Besuch abstatten.

Wenn es selbst für solche verpfuschten Existenzen wie den als Mörder angeklagten Pranzini eine Chance gibt, dann ist es nicht verrückt, wider alle Hoffnung zu hoffen, dann bedeutet die Verdammung eines Menschen einen Angriff auf seine maßlose, alle Grenzen sprengende Liebe.

In der Morgendämmerung des 31. August 1887 wurde Henri Pranzini hingerichtet. Bis zuletzt hatte er jede Bekundung von Reue abgelehnt. Doch als ihn der Henker schon auf die Guillotine schnallen wollte, bat er den Gefängnispfarrer plötzlich um ein Kruzifix und küsste es voller Leidenschaft. Thérèse weinte vor Glück, als sie den Bericht in der Zeitung las.

Eine weltweit verehrte Heilige

Schon 1925, ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod, sprach Papst Pius XI. Thérèse von Lisieux heilig. Der Kult um die kleine Nonne hat immer schon nationale und konfessionelle Grenzen gesprengt.

In Nazareth wird ihre Ikone in der griechisch-katholischen Kirche verehrt, in den USA und Lateinamerika beten sie zu The little Flower of Lisieux und Teresita, in Kairo stifteten begeisterte Moslems der kleinen Heiligen Allahs eine Kirche.

Man hat gesagt, mit Thérèse seien all die ganz normalen, unauffälligen Christenmenschen heiliggesprochen worden, die ihren „kleinen Weg“ der Treue und Einfachheit immer schon still und selbstverständlich gegangen seien, ohne zu ahnen, dass es der vollkommene Weg ist. In ihr, meint Ida Friederike Görres, zeige sich

„ein Schimmer von dem, was die Geringen im Hause des Vaters erwartet“.

Thérèse hat den Glauben auf den Punkt gebracht, sie hat die Hoffnung stark gemacht und die Liebe konkret.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Arrival – Dustin O’Halloran & Hauschka


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Dieser Beitrag wurde am 03.10.2021 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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