Wort zum Tage, 11.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Dem Himmel nah?

95 Millionen Dollar. So viel kostet sie, die oberste Etage in einer der exklusivsten Wohnanlagen New Yorks: 432 Park Avenue. Ein Wohnkomplex der Superlative. 96 Stockwerke, 426 Meter hoch. Zweit- oder Drittwohnungen für Leute, die schon alles haben, und für die Geld keine Rolle mehr spielt. Die meisten der exklusiven Appartements sind bereits verkauft, obwohl das Gebäude noch gar nicht fertig ist. Es gibt eine steigende Nachfrage nach solchen Luxusimmobilien. Wer auch immer da oben wohnen mag: Räumlich zumindest ist er dort dem Himmel schon nah. Und wenn er ab und zu auch mal zu Hause ist, kann er hinunter schauen aus seiner himmlischen Zweit- oder Drittwohnung auf die Stadt New York. Auf Menschen, die sich mit Zweit- oder Drittjobs über Wasser halten, um sich ihre Kleinwohnung überhaupt leisten zu können. Es sind Symbole einer Welt, die irgendwie aus den Fugen geraten ist. In der sich eine weltweite Oberschicht millionenschwere Drittwohnungen in den Wolken kauft, während unten knapp eine Milliarde Menschen in primitiven Hütten haust, weil sie nicht mal einen Dollar am Tag zum Leben haben.

Den heiligen Zorn der biblischen Propheten, die schon vor 2500 Jahren gegen solche Zustände gewütet haben, kann ich da nur zu gut verstehen. „Ruft es aus über den Palästen, ich zerschlage den Winterpalast und den Sommerpalast, die Elfenbeinhäuser werden verschwinden und mit den vielen Häusern ist es zu Ende“, wettert etwa der Prophet Amos. Doch ich spüre auch meinen Zorn, wie wenig sich offenbar in 2500 Jahren daran geändert hat. So haben sich viele Reiche unbeeindruckt dem Wohlleben hingegeben, während den Ärmsten zumeist nur die Vertröstung auf bessere Zeiten im Jenseits blieb.

Die Bibel erzählt das plastisch in der Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus, der schwer krank im Straßendreck liegt. Eines Tages, im Jenseits, werden die Verhältnisse genau umgekehrt sein, so die Quintessenz der Geschichte. Sie richtet sich somit an beide Seiten. Als eindringliche Mahnung an die Reichen und als Trost für die Armen. Und doch klingt sie vordergründig auch nur wie eine hilflose Kapitulation vor zutiefst ungerechten Verhältnissen. Wen die Vorstellung des Jenseits nämlich nicht schert, weil das Leben für ihn nur hier und jetzt stattfindet, der wird sich auch davon kaum beeindrucken lassen. Und ein echter Trost für den Armen in seinem Elend hier und heute ist es leider auch nicht. Trotzdem kann und wird die jüdisch-christliche Tradition vom Glauben an eine universale Gerechtigkeit für die Opfer der Geschichte nicht lassen. Der Glauben an eine Gerechtigkeit für alle Menschen: Wenn schon nicht heute, dann im Himmel, so weit entfernt er von ganz unten auch erscheinen mag.


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Dieser Beitrag wurde am 11.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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