Feiertag, 26.09.2021

von Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

„Wer hat, dem wird gegeben“ Von der paradoxen Logik des Christentums

Jeder Mensch ist anders – und jeder Mensch kann eine Sache besser oder schlechter als ein anderer Mensch. Die Rede ist etwa von Talenten: Gaben von Gott.

© Jonas Ferlin / Pexels

 Kennen Sie den Matthäus-Effekt? Er lautet:

„Wer hat, dem wird gegeben.“

Dahinter steht eine These der Soziologie, nach der Erfolge immer neue Erfolge nach sich ziehen – und umgekehrt Misserfolge weitere Misserfolge. Der amerikanische Soziologe Robert Merton hat diesen Effekt wissenschaftlich untersucht, und die Erfahrung bestätigt: Er trifft zu. Etwa für Investmentbanker oder Menschen, die viel Geld gut angelegt haben.

Die Erfahrung zeigt aber auch: Dieses Prinzip ist zynisch. Dann nämlich, wenn dieser Satz zu einer der Bettlerinnen in unseren Städten gesagt wird, zu den zahllosen Menschen in den Flüchtlingstrecks, die all ihre Habe hinter sich gelassen haben, zu einem, der durch eine Naturkatastrophe alles verloren hat.

Matthäus-Effekt wird dieses Prinzip deswegen genannt, weil es im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen ist. Ein solcher Satz in der Bibel, zugeschrieben Jesus von Nazareth, der in der Bergpredigt die Armen seligpreist und den Unterdrückten Befreiung verkündet? Wie geht das zusammen? 

Der Satz gehört in das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Ein Talent war nämlich in der Antike eine gängige Maßeinheit, stellte eine beträchtliche Geldsumme dar. Hören wir den gesamten Text: 

„Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.

Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.

Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.

Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!  Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.

Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!

Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.

Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.

Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ 

Ein vorsichtiger Diener, der diese ihm anvertraute Summe zusammengehalten hat, wird dafür nicht nur gescholten, sondern hinausgeworfen; umgekehrt werden die Spekulanten, die ohnehin schon stattlichen Gewinn gemacht haben, reich belohnt.

Das klingt so, als ginge es um die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte: Da sind bei manchen die Einkommen gesunken, aber die Renditen aus Kapitalanlagen haben zum Teil schwindelnde Höhen erreicht. Das klingt wie die Ermutigung: Nimm mit, was du kriegen kannst, auch auf Kosten der anderen.  

Das alles ist natürlich nicht gemeint, sondern Jesus erzählt ein Gleichnis, wie so oft. Nur entnimmt er es dieses Mal nicht wie sonst der agrarischen Kultur des Säens und Erntens, sondern der ökonomischen Kultur des Kapitals. Das irritiert, nicht nur uns heute, sondern auch die Menschen damals.

Denn Geld und Gott – das ist und war ein schmutziges Paar. Die damit verbundene Provokation war offensichtlich gewollt. Wir kennen solche Provokationen auch aus anderen Gleichnissen Jesu. Nur nehmen wir sie häufig gar nicht mehr als Provokation wahr.

Zum Beispiel: Ein Kaufmann verkauft alles, was er hat, nur um eine bestimmte Perle zu erwerben. Ganz schön leichtsinnig! Ein Hirte überlässt seine 99 Schafe ihrem Schicksal, nur um einem verlorengegangenen hinterher zu rennen. Ziemlich unvernünftig! 

Eine Witwe stellt ihr gesamtes Haus auf den Kopf, um ein kleines Geldstück wiederzufinden. Keine pragmatisch denkende Hausfrau würde so etwas tun! Einer, der Hochzeit feiert und von den eingeladenen Gästen lauter Absagen kassiert, lädt daraufhin die Bettler aus der Gosse ein. Wie kann man nur? 

Zurück zum biblischen Gleichnis. Von den ersten Jahrhunderten an hat die christliche Tradition diesen Text allegorisch als Bild auslegt: Demnach steht der Herr im Gleichnis für Jesus Christus. Von ihm hofft der Glaube, dass er am Ende der Zeit wiederkommen werde, um diese Welt zu vollenden und Gericht zu halten, um das aufzudecken, was im Leben eines jeden Menschen an Gutem, aber auch an weniger Gutem geschehen ist. Finsternis, Heulen und Zähneknirschen – das sind Ausdrücke aus der klassischen Gerichtssprache im Neuen Testament.

Die Diener – das sind wir bzw. alle die Menschen, die sich inspirieren lassen durch das Neue Testament und die, manchmal mehr schlecht als recht, versuchen, in der Nachfolge Jesu zu leben. 

Die Aussage des Gleichnisses ist klar: Getreue Diener ihres Herrn Jesus Christus sind Menschen dann, wenn sie ihre Talente einsetzen und mit ihnen wirtschaften, statt sie zu verstecken und zu vergraben. Die Talente wurden in der Geschichte der Bibelauslegung als die von Gott jedem und jeder einzelnen verliehenen Gaben verstanden, die sie zum Wohl der Gemeinschaft einsetzen sollen.

Mal bezogen die Bibelinterpreten sie ausschließlich auf die geistlichen Gaben des Klerus, dann auf die so genannten Charismen. So nennt das Neue Testament die Begabungen von Menschen, die auf das Wirken Gottes selbst, auf seine Gnade zurückgeführt werden. Gnade heißt griechisch „charis“.

Dahinter stand die Überzeugung, dass Begabungen nicht menschliche Leistung sind, sondern letztlich Geschenk und Gabe Gottes. Immer ging und geht es darum, dass Menschen, die im Sinne Jesu Christi leben und handeln, ihre Fähigkeiten nicht nur für sich nutzen oder sie möglicherweise ganz brach liegen lassen, sondern dass sie sie in den Dienst der Kirche und der christlichen Gemeinschaft stellen.

Und immer war die Überzeugung präsent, dass es letztlich nicht menschliche Leistung, sondern Gottes Wirken ist, wenn das „Wirtschaften“ mit den Talenten zum Erfolg führt. 

So wurde schon in den Anfängen des Christentums die Rede von den Talenten sprichwörtlich, wie dies auch heute der Fall ist - aber sie wurde im Sinne einer geistlichen Rede verwendet.

Im Zuge zunehmender Säkularisierung durchlief aber auch das Wort „Talent“ einen Prozess der Säkularisierung und damit verbunden einen Bedeutungswandel: Aus Gottes Gabe wurde die menschliche Begabung, aus einer von Gott verliehenen Gnade ein existentielles Entwicklungspotential, aus einer Befähigung, die auch gänzlich unspektakulär sein konnte, wie etwa das Charisma, Trost zu spenden, eine herausragende oder doch zumindest besondere Fähigkeit in Kunst, Musik, Sport oder Wissenschaft. 

Das Bild von den Talenten, mit denen wir wuchern sollen, ist ein schönes Leitwort, besonders wenn es um Bildung geht. Es ermutigt Kinder, Jugendliche und Erwachsene, ihre Fähigkeiten und Begabungen bewusst wahrzunehmen und auf sie zu vertrauen – und es hält Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte dazu an, die Begabungen der ihnen Anvertrauten zu fördern.

Es fordert dazu auf, aus Fähigkeiten etwas zu machen, statt sie zu vergraben, oder, um ein anderes biblisches Sprichwort zu zitieren, nicht das eigene Licht unter einen Scheffel zu stellen. Ein Scheffel war ein hoher Holzbottich, der zur Abmessung von Getreidemengen diente – und wenn man einen solchen über ein Licht stülpte, war das natürlich nicht mehr zu sehen.  

Wenn da nur nicht der Schluss wäre: Heulen und Zähneknirschen für alle diejenigen, die ihre Talente brachliegen lassen, für die Ängstlichen, die sich nicht trauen, etwas aus sich und ihren Möglichkeiten zu machen, für die Vorsichtigen, die Zurückhaltenden, denen Mut und Selbstvertrauen nicht in die Wiege gelegt sind?

Gewiss, es ist bedauerlich, ja beklagenswert, wenn ein junger Mensch aus seinen Talenten nichts macht, aber doch kein Verbrechen. Wo bleibt denn da die vielzitierte christliche Barmherzigkeit, die Rücksicht auf die Schwächeren, das Mitleid mit den Mutlosen? Und was für eine Gottesvorstellung steht hinter einer solchen Drohung? Irgendwie gibt es da einen Bruch, irgendwie passt das nicht zusammen.

Der Text macht es uns wirklich nicht leicht. Um ihm gerecht zu werden, müssen wir den ursprünglichen Zusammenhang beachten, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt. Es ging ihm nicht um Bildung oder um die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten.

Sein Thema war die Herrschaft Gottes, von der er überzeugt war, dass sie jetzt Wirklichkeit wird, bzw. das Reich Gottes, von dem er glaubte, dass es jetzt anbricht, hier in dieser Welt. 

Wir würden heute, nachdem die Begriffe „Herrschaft“ und „Reich“ durch unsere Geschichte so belastet sind, vielleicht eher davon sprechen, dass Gott in unserer Welt zugegen ist, dass er in ihr wirkt und die ganze Wirklichkeit durchdringen möchte. Wo Menschen dieser Zusage vertrauen, wo sie sich darauf einlassen und in seinem Geist und nach seinen Geboten handeln, da verändert sich die Welt.

Da regiert nicht mehr Eigennutz und Eigeninteresse, sondern die Zuwendung zum anderen. Da herrschen nicht mehr Egoismus und Profitdenken, sondern Liebe und Barmherzigkeit, nicht Hass und Feindseligkeit, sondern Vergebungs- und Versöhnungsbereitschaft. 

Die Gottesherrschaft war das große Thema der Verkündigung Jesu, und sie war kein schöner Traum oder bloße Sozialromantik, sondern die Verheißung von etwas Neuem, das in dieser Welt beginnt. Es ist der Plot dieses Gleichnisses, dass Jesus seine Botschaft von der Gottesherrschaft ausgerechnet in das kapitalistische Bild von Geld und Geldvermehrung kleidet.

Damit wählt er ein Bild, das auf den ersten Blick so gar nicht zu der Wirklichkeit von Liebe, Barmherzigkeit und Versöhnung passt, ja dass all dem auf den ersten Blick geradezu konträr entgegensteht. Aber so – und womöglich nur so – hören Menschen zu. 

Die Gottesherrschaft war für Jesus nicht einfach eine mögliche Option für das eigene Handeln, die man ergreifen konnte oder aber auch nicht. Sie war für ihn viel mehr, nämlich eine Frage von Alles oder Nichts. Es ging ihm mit seinem Gleichnis um nichts Geringeres als um das Gelingen oder Scheitern des eigenen Lebens, um Gewinnen oder Verlieren.

Darum wählt er solche drastischen Worte am Schluss – nicht um den Menschen damals und uns heute zu drohen, sondern um sie und uns aufzurütteln und wachzurütteln. Dazu braucht es eine entsprechende Sprache, einen Appell, der ins Mark geht. 

Lesen wir also dieses Gleichnis im größeren Zusammenhang der Gottesherrschaft, so stehen die verschiedenen Talente für die jeweiligen Fähigkeiten der Menschen, aber eben nicht nur für die spezifischen musischen, künstlerischen, intellektuellen oder anderen Begabungen, sondern für die Fähigkeiten, die jeder und jede einbringen kann, damit in dieser Welt etwas von der Gottesherrschaft erahnbar, erfahrbar und spürbar werden kann. 

Und hier gilt in der Tat:

„Wer hat, dem wird gegeben.“

Das ist die eigene, die paradoxe Logik des christlichen Glaubens. Wer seine Zuwendung zu anderen nicht zurückhält, vermehrt sie; wer sich um Frieden und Versöhnung müht, verändert die Wirklichkeit; wer Liebe gibt, darf die Hoffnung haben, dass er Liebe zurück bekommt und sie sich verdoppelt; wer sich verschenkt, verliert sich nicht, sondern wird bereichert. 

Im Blick auf die Gottesherrschaft gilt: Nur wenn Du mit Deinen Talenten wucherst, und seien sie noch so unscheinbar und auf den ersten Blick belanglos, können sie auf dieser Welt ein Stück Wirklichkeit werden. Das ist verbunden mit der Zusage: Trau dich – vergrab dein Talent nicht, sondern hab Mut.

Aus dem Bildungs-Gleichnis wird so ein Lebens-Gleichnis. Die eine Auslegung setzt die andere nicht außer Kraft, doch der Sinn des Textes reicht darüber hinaus und zielt auf Umfassenderes, auf die eigene Existenz und auf das Leben vor Gott in dieser Welt.  Nichts Geringeres steht auf dem Spiel.

Wie das ganz konkret gehen kann – mit den eigenen Fähigkeiten wuchern, damit diese Welt ein wenig mehr im Sinne Gottes und damit ein wenig menschlicher gestaltet wird?

Die Antwort darauf kann jede und jeder nur individuell geben und sie wird sehr unterschiedlich ausfallen. Immer aber hat die Bereitschaft, mit den eigenen Gaben zu wuchern, Konsequenzen für den Alltag, für den täglichen Umgang miteinander, für die Gestaltung dieser Welt.

„Wer hat, dem wird gegeben.“

Ob dieser Satz stimmt, ob er sich bewahrheitet, zeigt sich nur, wenn man ihn tut.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung trägt Martin Korden.

Musik:

Lambert – A Thousand Cracks

Lambert – Tegel

Lambert – Sweet Apocalypse

Lambert – Gdansk

Lambert – The End


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Dieser Beitrag wurde am 26.09.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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