Gottesdienst am 26. Sonntag im Jahreskreis

aus der Kirche St. Engelbert in St. Ingbert

 

 

Predigt von Pfarrer Armin Hook

„Wer nach allen Seiten hin offen ist, der ist nicht ganz dicht!“

Dieser etwas flapsige Spruch will sagen: Man muss manchmal auch Grenzen ziehen, sich abgrenzen. Man kann und muss nicht alles und um jeden Preis tolerieren. Es gibt auch eine Grenze der Toleranz. Toleranz im Sinne von:

„Das Aushalten von Unterschieden“

Das gilt auch für die Kirche. Auch für den Glauben braucht es klare Grenzlinien. Die Menschen wollen wissen, was zum christlichen Glauben dazugehört und was nicht. Und an der Grenzlinie des Glaubens entscheidet sich auch, wer zur Kirche gehört und wer nicht.

Daher scheint die Haltung der Apostel hier durchaus verständlich – und hochaktuell, wenn sie sich darüber beschweren, dass da irgendwelche Wundertäter auftreten mit dem Anspruch, im Namen Jesu zu handeln.

Die Reaktion Jesu allerdings verblüfft an dieser Stelle. Die Jünger, die klare Grenzlinien ziehen möchten, werden von ihm deutlich zurechtgewiesen. Es kann einer auch Heil wirken im Namen Jesu, ohne ihm nachzufolgen.

Das ist ein äußerst provozierendes Wort, vor allem angesichts unserer Situation heute: Wie viele treten – ganz besonders im Internet – auf mit dem Anspruch, den Menschen das Heil zu bringen. Angefangen von den unzähligen unterschiedlichen christlichen Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften hin zu allerlei Gurus und selbsternannten Heilsbringern, bis zu allen möglichen und unmöglichen Sekten und Seelenfängern. Gilt da auch noch dieses klare Wort Jesu:

„Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns?“

Wo ist die Grenze? Müssen wir nicht hier eine klare Grenze ziehen?

Ganz gewiss will Jesus mit diesem Wort nicht eine allgemeine Gleichgültigkeit propagieren nach dem Motto: Alles ist gut. Soll doch jeder nach seiner Façon selig werden.

Aber: Er will ganz offensichtlich den engen Blick der Jünger aufbrechen. Er kann und will es nicht dulden, dass seine Gemeinschaft sich abgrenzt, dass sie ausgrenzt, statt hereinzuholen, statt offen und einladend zu sein. Und darum geht es ihm: um eine einladende Gemeinschaft!

Jesus will nicht einfach alles gutheißen, was da außerhalb der Jüngergemeinschaft geschieht. Jesus scheut sich an vielen anderen Stellen nicht, klare Grenzen zu ziehen. Er will auch hier absolut nicht gutheißen, dass diese Wunderheiler sich nicht der Gemeinschaft anschließen, dass sie ihm nicht wie die Jünger nachfolgen. Aber Jesus will die Blickrichtung der Jünger umlenken.

Die Jünger sehen nur, dass da etwas fehlt: Die gehören nicht zu uns, die stehen nicht in der Nachfolge! Jesus aber lenkt den Blick weg vom Defizit hin auf das Positive: da geschieht doch etwas!

Da geschieht doch Heil und das im Namen Jesu, aus seinem Geist! Und wo Heil geschieht – wirkliches Heil, nicht bloß oberflächliche Wunderschau, die im Grunde nur die Not oder die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzt und ausbeutet – wo wirklich Heil geschieht, da ist Gottes Geist am Werk.

Darum geht es Jesus also: um den rechten Blick, der erkennen kann, wo wirklich Heil geschieht, wirklich Gottes Geist in dieser Welt am Werk ist. Das ist und bleibt eine provozierende Botschaft, denn das heißt: Heilendes kann sich ganz offensichtlich auch außerhalb der klaren Grenzen unserer katholischen Kirche ereignen, ja sogar außerhalb des im strengen Sinne christlichen Raumes.

Und das, liebe Schwestern und Brüder, soll und darf uns nicht ärgern oder neidisch machen. Das braucht uns aber auch keine Angst zu machen, sondern das darf uns freuen! Vielleicht ist die Kirche Jesu Christi sehr viel größer und weiter, als wir uns träumen lassen.

In diesem Evangelium ermutigt uns Jesus, die Augen aufzumachen, um zu entdecken, wo überall Gottes Geist am Werk ist. Zum Beispiel überall dort, wo wirkliche Begegnung geschieht, wo einer vielleicht ein wirklich tröstendes und aufrichtendes Wort sagt in tiefe Verbitterung und Leid hinein; oder wo Menschen einander beistehen in Verzweiflung und Trauer, wie wir es bei der Flutkatastrophe erleben durften; wo die Dämonen der Einsamkeit oder lähmender Sprachlosigkeit vertrieben werden durch ein gutes und heilendes Wort, das von Herzen kommt; überall dort, wo Menschen einander wirklich Aufmerksamkeit schenken: überall da geschieht Heil, überall da ist Gottes Geist am Werk.

Unsere Aufgabe als Kirche, als Menschen, die Jesus Christus nachfolgen, ist es, den Geist Gottes in der Welt zu entdecken, das heißt wahrzunehmen wo Gottes Geist überall und vielfältig wirkt. Und auf diese Weise ganz behutsam eine Verbindung herzustellen, eine Brücke zu bauen zwischen den Menschen und Christus, zwischen den Menschen und der Jüngergemeinschaft, der Kirche.

Brückenbauer zu sein, das ist unsere Berufung. Brücken zu bauen, auf denen die Menschen behutsam und Schritt für Schritt entdecken, wer da in ihrem Leben schon am Werk ist, mit ihnen auf dem Weg ist und sie so ganz behutsam zu begleiten auf dem Weg vom „Nicht-gegen-uns-sein“ zum „Für-uns-sein!“


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Dieser Beitrag wurde am 26.09.2021 gesendet.





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