Morgenandacht, 23.09.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Halt dich an deiner Liebe fest

Psst, sei mal leise!

Meine Nichte dreht das Radio lauter und als Antwort auf meinen fragenden Blick kommt: Ich mag dieses Lied, es ist so real!

Und ich höre eine Coverversion eines Ton-Steine-Scherben Klassikers: Halt dich an deiner Liebe fest.

Rio Reiser!?, lasse ich mich vernehmen, das ist doch gar nicht Deine Zeit und nicht Dein Geschmack. Aber sei’s drum. Warum ist das Lied denn bitteschön ‚so real‘?

Na, das ist doch DIE Frage überhaupt – kommt es über den Tisch zurück. Was kann uns denn im Leben Sicherheit und Halt geben?

Die Liebe – erwidere ich ruhig. Diese Liebe, die in Gott gründet, die stärker ist, als alles, was man sich denken kann, stärker als der Tod – so schreibt es jedenfalls Paulus den Korinthern in seinem Hohelied der Liebe (1 Kor: 13). 

Aber ich dachte nicht, dass Du so gefühlsbetont bist – und wie es sage, bereue ich es schon, denn meine Nichte hebt zu einem Plädoyer an, das ich so nicht erwartet hätte.

Gefühlsbetont? Mag sein – kommt es retour – aber geht es in diesem Lied denn nicht um das lebenswichtigste Gefühl überhaupt: Die Liebe. Die Liebe, die alles trägt, glaubt, hofft, erduldet!

Selbst, wenn wir uns völlig verlassen, ja, einsam fühlen, selbst dann sollen wir an der Liebe festhalten. Wir sollen die Hoffnung nicht aufgeben, glauben, nicht verzweifeln, auch wenn es dunkel wird, ganz dunkel – und kalt, weil die Nähe fehlt, die man eigentlich ersehnt. 

Und in mein Erstaunen hinein fährt meine Nichte fort:

"Aber das gilt nicht nur im Frühling, wenn man sich unglücklich verliebt hat. Das gilt auch im Herbst, wenn man sich ent-liebt hat."

So heißt es doch, in dem Lied:

"Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht / Und du bist so müde, weil du nicht mehr weißt, wie's weitergeht / Wenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen lässt / Halt dich an deiner Liebe fest."

Dann fragt man sich doch, was einem im Leben Sicherheit und Halt gibt.

Verstehe – erwidere ich – die Liebe. Aber von welcher Liebe handelt denn das Lied? Welche Liebe ist es, die Hoffnung schenkt, die all das überstehen hilft, die den langen Atem hat, wie Paulus sagt.

Na, die Liebe zu Gott, zu den Menschen und die Liebe zu sich selbst – kommt es, fast schon beleidigt, zurück!

Gut – antworte ich ruhig – dann hätten wir das ja geklärt. Aber eine Frage habe ich noch. Und den skeptischen Blick meiner Nichte ignorierend fahre ich fort:

Wie kann ein Mensch diesen Halt spüren, wenn er Armut, Krankheit, Ablehnung erfährt.

Ist es dann auch noch möglich, die Liebe zu sich selbst und zu Gott zu spüren? Wird diese Person überhaupt das Wagnis eingehen, sich auf diese Liebe einzulassen?

Und die Antwort meiner Nichte machte mich zugleich sprachlos und stolz.

Weißt Du, Deine Frage erinnert mich an ein Gedicht von Marie Noël (1883-1967) „Gebet in der Erscho?pfung“ – da heißt es:

"Mein Gott, ich liebe Dich nicht. / […] / Vielleicht glaube ich nicht einmal an Dich. / Aber blicke mich an im Vorübergehen. / Wenn Du möchtest, dass ich an Dich glaube, bring mir den Glauben. / Wenn Du möchtest, dass ich Dich liebe, bring mir die Liebe.

Ich habe die Liebe nicht. Und ich kann nichts dafür. / Ich gebe Dir, was ich habe: / Meine Schwäche, meinen Schmerz. Und diese Zärtlichkeit, die Du so gut siehst. / Wie mein Leid und wie meine Hoffnung."

Tja, und wenn jemand so betet, dann klingt das doch genau wie in diesem Lied und wie bei Paulus: Halt Mich in Deiner Liebe fest!

Sprach’s und drehte das Radio leiser.


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Dieser Beitrag wurde am 23.09.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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