Wort zum Tage, 10.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Gottes Wille

„Gott erwartet von uns ...!“ Ab und an landen E-Mails mit so einem Inhalt in meinem Postfach. Abgeschickt von Leuten, die ich nicht kenne, die ihrerseits aber Gott genau zu kennen scheinen. Die offenbar genau wissen, was Gott so alles will. Auch von mir. Menschen, die so genau Bescheid wissen, hat es immer schon gegeben. Im 12. Jahrhundert etwa zogen Kreuzritterheere mit dem Schlachtruf „Gott will es“ ins Heilige Land, um Jerusalem zu befreien. Sie brachten jede Menge Tod und Verwüstung mit und glaubten fest daran, im göttlichen Auftrag unterwegs zu sein. Wenn in diesen Tagen wieder Menschen Terror und Schrecken gegen alle verbreiten, die sie für Ungläubige halten, dann wissen auch sie natürlich genau, dass Gott das so will. Wer nur feste daran glaubt, in Gottes angeblichem Auftrag zu handeln, der steht natürlich auf der richtigen Seite. Mag sie Anderen auch noch so pervers und menschenverachtend erscheinen. Ich gebe zu: Ich kann Menschen verstehen, die sich da angewidert abwenden und lieber Distanz halten zu einem Gott, der angeblich all das will, was sich heutige Spinner und Fanatiker so zusammenreimen. Zum Vorschein kommt dabei nämlich oft genug ein Bild von Gott, das abstößt. Und was wäre das auch für ein Gott, den ich so genau durchschaue? Von dem ich behaupte, seinen Willen bis ins Detail hinein zu kennen? Ein Gott also, der mich gar nicht mehr überraschen kann, der kein Geheimnis mehr bereithält. Der zu einer Art oberstem Befehlshaber geworden ist, dem ich nur noch Kadavergehorsam schulde. Dann hätte ich aus dem Gott der Bibel in der Tat einen Götzen gemacht. Wunderbar geeignet, das eigene, simple Weltbild auch noch himmlisch zu bestätigen.

Bloß der Gott der Bibel kann das eigentlich nicht sein. Der Gott, der mir in unzähligen biblischen Texten so geheimnisvoll und schwer verständlich begegnet. Dessen Bild mich mindestens so oft fasziniert, wie es mich dann auch wieder abstößt. Ein Gott, den ich niemals wirklich begreifen kann. Der mir ein Geheimnis ist und bleibt, je länger ich über ihn nachdenke. Und darum erlaube ich mir öfter mal Fragezeichen, statt dicker Ausrufezeichen, wenn ich über Gott rede. Leise, fragendeTöne, statt laut dröhnender Wahrheiten. Nicht, weil ich an ihm zweifele, sondern weil der Gott der Bibel letztlich nicht fassbar ist für meine begrenzte Vorstellung. Am Ende sind es doch immer nur Bilder, die wir Menschen uns von Gott machen, weil Gott nicht zu begreifen ist. Ein Wort des großen Theologen und Gottesdenkers Karl Rahner, der so oft und viel über Gott geschrieben hat, begleitet mich daher seit vielen Jahren. Für Rahner blieb Gott nämlich immer ein „heiliges Geheimnis.“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 10.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche