Am Sonntagmorgen, 19.09.2020

von Johannes Lorenz, Frankfurt am Main

„Nicht ich, sondern Gott in mir.“ Zum 60. Todestag von Dag Hammarskjöld

Staatsdiener, Mystiker, Friedensvermittler: Dag Hammarskjöld war ein außergewöhnlicher Mensch. Der Schwede wusste vor allem die stille Diplomatie zu nutzen. Ein tiefer Glaube an Gott gab ihm dabei Halt und Orientierung.

© Gemeinfrei

Am 18. September 1961 starb der Schwede Dag Hammarskjöld. Der damalige Generalsekretär der UNO kam mit 56 Jahren bei einem Flugzeugabsturz im heutigen Sambia ums Leben.

Seine Amtszeit als Generalsekretär fiel in den Beginn der Auseinandersetzungen zwischen den USA und der Sowjetunion. Dazu kamen die Unabhängigkeitsbestrebungen ehemaliger Kolonialländer.

Durch sein hohes diplomatisches Geschick gelang es Dag Hammarskjöld, die politische Stellung der Vereinten Nationen als einer Organisation des Ausgleichs weltpolitischer Konflikte zu festigen. Vor allem aber stärkte er die Rolle kleiner Staaten und unterstütze deren Unabhängigkeitsbewegungen.

Als Hammarskjöld vor 60 Jahren starb, galt er als überragender Diplomat und genoss weltweit hohen Einfluss. Kurz nach seinem Tod wurde ihm der Friedensnobelpreis zugesprochen.

Diplomat auf der Suche nach Gott

Nach seinem Tod fand man in seiner Wohnung in New York ein Tagebuch. Es brachte zum Vorschein, wie sehr das Denken und Handeln des schwedischen Spitzendiplomaten geprägt war von der Suche nach Gott und seinem persönlichen Ringen mit ihm.

Es zeigte, wie sich für Hammarskjöld über Jahre mehr und mehr die Gewissheit einstellte, sich in einer Art Christusnachfolge zu befinden. Seine im Tagebuch aufgeschriebenen Auseinandersetzungen mit sich selbst und Gott führten dazu, dass der frühere UN-Generalsekretär Hammarskjöld heute als moderner Mystiker gilt.

„Das Beste und Herrlichste, wozu man im Leben gelangen kann, ist, dass du schweigst und Gott wirken und sprechen lässt.“

„Mit Gottes Liebe das Leben und die Menschen lieben – um der unendlichen Möglichkeit willen, warten wie er, beurteilen wie er, ohne zu verurteilen, dem Befehl gehorchen, wenn er ergeht, und niemals zurückschauen – dann kann er dich brauchen.“

Warum Hammarskjöld? 

Zum Zeitpunkt seiner Ernennung war der zurückhaltende Diplomat der breiten Weltöffentlichkeit fast völlig unbekannt. Innerhalb der UNO galt er als Kompromisskandidat.

Die beiden Großmächte, USA und Sowjetunion, wähnten mit dem neuen Generalsekretär aus Schweden einen in Zeiten des wachsenden kalten Krieges leicht zu steuernden Mann an der Spitze der Vereinten Nationen. Sie sollten sich täuschen.

Mit seinem ausgesprochen hohen Arbeitspensum, seinem messerscharfen Verstand und seiner enormen kulturellen Bildung zeigte er schnell, dass er seinen Gesprächspartnern mehr als gewachsen war und sich souverän auf internationalem Parkett bewegen konnte.

Hammarskjölds Diskretion, verbunden mit seiner hohen Integrität und einem aufrichtigen Interesse an seinen Gesprächspartnern stärkten bald das Vertrauen in seine Person und verschafften dem Amt des Generalsekretärs internationales Gewicht.

Der spätere UN-Generalsekretär Kofi Annan brachte die Bedeutung, die Hammarskjöld für die UNO hatte, mit folgendem Geständnis auf den Punkt: Vor jeder schwierigen Entscheidung frage er sich, wie Dag Hammarskjöld wohl in seiner Situation entschieden hätte.

Kind eines Aristokraten

Dag Hammarskjöld wurde 1905 im schwedischen Jönköping geboren. Er wuchs mit seinen Geschwistern in der Universitätsstadt Uppsala auf. Sein Vater war zum Zeitpunkt seiner Geburt Premierminister von Schweden. 

Der junge Dag wurde früh mit der aristokratischen Tradition seiner Familie vertraut. Vor allem von Seiten seiner Mutter lernte er die lutherisch-protestantische Tradition seiner Familie kennen und schätzen.

„Väterlicherseits habe ich von Generationen von Soldaten und Regierungsbeamten die Überzeugung geerbt, dass kein Leben befriedigender ist als das eines selbstlosen Dienstes für das Land – oder die Menschheit. Von Gelehrten und Geistlichen mütterlicherseits habe ich die Überzeugung geerbt, dass im sehr radikalen Sinne der Evangelien alle Menschen als Kinder Gottes gleich sind (…) und so behandelt werden sollten.“

Hammarskjöld und der „unmöglichste Job der Welt“

Im November 1952 trat der Norweger Trygve Lie, der erste Generalsekretär der UNO, zurück. Er hatte mit viel internem Widerstand zu kämpfen. Man brauchte einen Nachfolger. Der Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion spitzte sich immer mehr zu. Dass Moskau dem Vorschlag, Dag Hammarskjöld als neuen Generalsekretär zu ernennen, überhaupt zustimmte, lag an der politischen Neutralität Schwedens.

Hammarskjöld hatte sich zudem schon im Vorfeld seiner Wahl ausdrücklich gegen einen Beitritt Schwedens zur NATO ausgesprochen. Nach seiner Wahl im April 1953 empfing ihn sein Vorgänger im Amt mit den Worten: 

„Sie übernehmen den unmöglichsten Job der Welt.“

Markenzeichen: Stille Diplomatie

Die erste Bewährungsprobe im Amt des Generalsekretärs ließ nicht lange auf sich warten. Während des Koreakrieges hatte China amerikanische Piloten gefangen genommen. Anstatt den Forderungen der USA nachzugeben und Peking mit der Nichtaufnahme in die UNO zu drohen, besuchte Hammarskjöld den chinesischen Ministerpräsidenten vor Ort – und gewann dessen Sympathie.

Mit Hilfe stiller Diplomatie gelang es ihm, China zu versichern, dass eine Befreiung als Zugeständnis gegenüber den Vereinten Nationen gelten werde und nicht etwa als Einknicken gegenüber den USA. Vier Monate später entließ China die ersten Piloten; zu Hammarskjölds fünfzigstem Geburtstag schließlich auch die übrigen Gefangenen.

Diese Episode machte den Weltmächten klar, dass Hammarskjöld nicht nur erfolgreich verhandeln konnte, sondern dabei völlig eigenständig nach Lösungen suchte. Sein Erfolg steigerte sowohl das Ansehen der UNO als internationale Friedensorganisation als auch seine persönliche Reputation enorm.

Hammarskjölds Suche nach sich selbst

Niemand wusste davon, dass der stille Diplomat ein tiefes innerliches Leben führte. Niemand ahnte, wie sehr Dag Hammarskjöld sein wahres Selbst zu greifen suchte. Niemand konnte sich vorstellen, mit welcher Strenge er Gott als die für ihn einzige Wirklichkeit ansah, für die es zu leben galt.

Bis man nach seinem Tod seine tagebuchähnlichen Aufzeichnungen fand, denen er den Titel „Wegmarken“ gab. 1965, vier Jahre nach seinem Tod, wurde das Tagebuch veröffentlicht. Es beginnt 1925, mit Hammarskjölds erstem Eintrag als 20-jähriger, und endet kurz vor seinem Tod.

Das schonungslose Selbst- und Glaubenszeugnis des verstorbenen Generalsekretärs rief Bewunderung hervor, machte aber auch kritische Stimmen vernehmbar, die mit Hammarskjölds Innenschau und seinem Gottesglauben weniger anzufangen wussten.

Doch das Tagebuch zeigte auch: Die Werte, die Hammarskjöld als öffentliche Person im Einsatz für eine gerechte und humane Welt vertrat, waren für ihn keine Lippenbekenntnisse.

„Hunger ist meine Heimat im Land der Leidenschaften. Hunger nach Gemeinschaft, Hunger nach Gerechtigkeit – einer Gemeinschaft durch Gerechtigkeit gebaut, und einer Gerechtigkeit, gewonnen durch Gemeinschaft.“

Leben im Angesicht des Todes

Hammarskjöld war davon überzeugt, dass man eigene Fehler und Schwächen immer nur vor der je größeren Möglichkeit von Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe sehen und sich ihnen von daher gesehen stellen könne. Jeder Egoismus, alles falsche Begehren nach Besitz und Einfluss, galt es, in Schach zu halten.

„Dich ekelt vor Schmeicheleien – aber wehe dem, der deinen Wert nicht erkennt.“

Im allerersten Tagebuch-Eintrag beschreibt sich der damals Zwanzigjährige selbst als einsamen Menschen inmitten einer unbekannten und lebensfeindlichen Gegend. Die Wohnstätte des Todes. Immer wieder wird Hammarskjöld sich mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

Sich selbst meditativ an die äußerste Grenze der Existenz zu führen, bedeutete für ihn, sein eigenes und wirkliches Menschsein erfahren zu können. Im Angesicht des sicheren Schicksals, das jederzeit Wirklichkeit werden kann, erkannte er die Notwendigkeit, die anvertrauten Aufgaben ohne Zögern anzugehen.

„Weiter treibe ich/ hinaus ins fremde Land./ Beinhart die Erde,/ Eisluft beißender kalt./ Berührt vom Winde/ meines unbekannten Ziels,/ zitternd die Saiten/ im Warten (…) Morgen treffen wir uns,/ der Tod und ich -./ Er wird den Degen stoßen in einen wachen Mann./ Wie brennt doch das Gedenken jeder Stunde,/ die ich vertan.“

„Gott in mir“

Nicht nur der Tod, auch seine anhaltende Einsamkeit hat Hammarskjöld stark beschäftigt. Lange suchte er nach einer Deutung dafür.

„Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben.“

Hammarskjölds Tagebuch legt nahe, dass Gott für ihn eine immer größere Rolle dabei spielte, seinem eigenen Schicksal eine tragende Bedeutung zu geben. Einige Eintragungen deuten darauf hin, dass er innere Erfahrungen machte, die er als Gotteserfahrungen verstand.

„Nicht ich, sondern Gott in mir“,

lautet eine dieser Eintragungen. Offenbar wurde ihm Gott zu einem wirklichen Gegenüber, von dem her er verstand, wer er selbst war und sein sollte. Solche Erfahrungen konnten für ihn nur im Schweigen und in der Stille gemacht werden.

„Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren. Offen, still, feuchter Humus im fruchtbaren Dunkel bleiben, wo Regen fällt und Saat wächst – stapfen auch noch so viele im trockenen Tageslicht über die Erde in wirbelndem Staub.“

Moderner Mystiker

Seine Gotteserfahrungen, die er für sich im christlichen Sinne deutete, scheinen ihm einerseits innere und äußere Freiheit geschenkt zu haben, sie stellten ihn andererseits aber auch vor unendliche Ansprüche.

Einigen gilt Hammarskjöld deshalb als ein moderner Mystiker, als jemand, der aus einer tiefen Erfahrung der Gottverbundenheit lebte und dennoch – oder gerade deshalb – mit beiden Füßen auf dem Boden der Welt stand.

„Jetzt. Da ich die Furcht überwunden - vor den anderen, vor mir, vor dem Dunkel darunter: an der Grenze des Unerhörten: Hier endet das Bekannte. Aber vom Jenseits her erfüllt etwas mein Wesen mit seines Ursprungs Möglichkeit. Hier wird Begehren zu Offenheit gereinigt: jedes Handeln Vorbereitung, jede Wahl ein Ja dem Unbekannten. (…)“

Immer mehr verstand Hammarskjöld seine persönliche Berufung als selbstlosen Dienst an der Menschheit. Die einzig legitime Motivation für diesen Dienst konnte er darin sehen, das alles, um Gottes Gerechtigkeit und Frieden willen zu tun.

Seine Mission war die Hingabe

Alle anderen Motivationen führten für ihn doch nur über verborgene Abwege wieder zurück zum eigenen Ego. Jesus Christus wurde ihm zum Urbild des selbstlosen Dienstes für die Sache Gottes. 

Der selbstlose Dienst an der Welt, dessen war sich Hammarskjöld bewusst, konnte mit einem hohen Preis verbunden sein. Wie bei Christus, der seiner Mission bis in Tod hinein treu blieb, konnte auch sein Weg zum Tod führen.

Einmal fragte man ihn, wie er seine persönliche Sicherheit sehe, wenn er in Krisengebiete reise. Darauf antwortet er, dass seine Sicherheit der ihm gestellten Aufgaben und den Interessen der Welt untergeordnet sei. Er selbst verwendete häufig das Wort „Opfer“, um seine Mission als Hingabe zu deuten.

Mysteriöser Tod 

Die Umstände, die in der Nacht vom 17. auf den 18. September 1961 zum Absturz seines Flugzeugs im heutigen Sambia führten, sind immer noch nicht aufgeklärt. Der letzte UNO-Untersuchungsbericht von 2019 ging mehreren ungeklärten Fragen nach: war es ein Auftragsmord durch westliche Geheimdienste? War es ein Pilotenfehler? Waren es paramilitärische Milizen, die das Flugzeug abschossen?

Für den gläubigen Christen Hammarskjöld stand außer Frage, dass alles Leben von einer „Unterströmung voll von Güte und Liebe“ getragen sei. Ohne die Mitwirkung des Menschen bliebe jene Unterströmung allerdings verschlossen. 

„Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben, aber wir sterben an dem Tag, an dem das Leben für uns nicht länger von dem stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders durchstrahlt wird, von Lichtquellen jenseits aller Vernunft."

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Danish String Quartet – Now Found Is The Fairest Of Roses

Danish String Quartet – Now Found Is The Fairest Of Roses

Danish String Quartet – Naja’s Waltz

Danish String Quartet – Shore

Danish String Quartet – Unst Boat Song


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Dieser Beitrag wurde am 19.09.2021 gesendet.


Über den Autor Johannes Lorenz

Johannes Lorenz, Dr. theol., geb. 1986 in Freiburg i.Br., Studium der Musikwissenschaften, Geschichte und Katholischen Theologie. Seit 2014 arbeitet er als Studienleiter für Weltanschauungsfragen und Lebenskunst an der Katholischen Akademie Rabanus Maurus im Haus am Dom in Frankfurt am Main Kontakt
j.lorenz@bistumlimburg.de

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