Wort zum Tage, 18.09.2021

Martin Wolf, Mainz

Bis zur Ernte

In den Sommermonaten müht sich meine Frau immer damit ab, unsern Garten auf Vordermann zu bringen. Sie beseitigt all das Unkraut, das sich in den letzten Wochen überall breitgemacht hat.

Jetzt geht das völlig problemlos. Im Frühjahr, wenn die ausgesäten Möhren, Gurken und anderes aus der Erde kommen, ist das nämlich heikler. Da wir beim Gärtnern keine Experten sind, müssen wir aufpassen, dass mit dem unerwünschten Grünzeug nicht auch das junge Gemüse dahin ist. Also lieber abwarten, statt überstürzt etwas herauszureißen.

Damit befinden wir uns ganz nebenbei in bester christlicher Tradition. Die biblische Erzählung vom Unkraut, das mit der Saat gemeinsam aufgeht, gehört für mich zu den zentralen Sinngeschichten des Christentums. Und nicht nur als Hobbygärtner.

Kurz gefasst geht sie so: Ein Mann hat gute Saat auf seinem Feld ausgebracht. Still und heimlich aber kommt sein Feind und streut Unkrautsamen auf den Acker. Als alles zusammen aufgeht, wollen die Knechte das Unkraut ausreißen.

Doch der Gutsherr hält sie zurück. Das Risiko für Kollateralschäden ist zu groß. Stattdessen sollen sie alles gemeinsam wachsen lassen bis zur Ernte. Erst dann wird sortiert nach gut oder schlecht.

Die Botschaft dahinter ist so herausfordernd wie aktuell: Maßt euch kein Urteil an über den Wert eines Menschen. Maßt euch nicht an zu entscheiden, wer Heiliger ist und wer Sünder. Überlasst dieses Urteil getrost Gott. Denn der wird am Ende darüber befinden.

Zugegeben, auch mir fällt das oft schwer. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich mir viel zu schnell Urteile über Menschen erlaube, die ich gar nicht näher kenne.

Gerade jetzt, in Zeiten des Wahlkampfs, geht das oft besonders fix. Und auch die Kirche, die diese Botschaft ja bewahren soll, hat sich selbst viel zu oft nicht daran gehalten. Hat schnell und unerbittlich Menschen als Sünder gebrandmarkt und verurteilt.

Weil sie nicht all das glauben konnten, was im Katechismus geschrieben stand. Oder weil sie Menschen liebten, die sie nach Meinung der Kirche nicht lieben durften. Natürlich meint das Gleichnis nicht, dass alles einerlei ist. Dass gut oder schlecht, richtig oder falsch keine Rolle mehr spielen.

Die Geschichte ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit, sondern ein Aufruf zu Großherzigkeit und Toleranz. Und eine Mahnung, nicht vorschnell zu urteilen. Was richtig und falsch ist, darüber müssen wir weiter streiten. Unbedingt sogar.

Aber einen anderen zum schlechten Menschen oder Sünder zu degradieren, das sollten wir uns doch lieber verkneifen und es am Ende einem anderen überlassen. Dem Herrn der Ernte. Gott.


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Dieser Beitrag wurde am 18.09.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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