Wort zum Tage, 17.09.2021

Martin Wolf, Mainz

Arche Noah

Der neue Bericht des Weltklimarates IPCC lässt kaum Zweifel zu. Die Welt, wie wir sie kennen, wird sich dramatisch verändern. Extreme Hitzewellen, schwere Stürme, Dürren und Überschwemmungen werden in naher Zukunft wohl zu ständigen Begleitern werden.

Was das für die Zukunft unserer Zivilisation bedeutet ist völlig offen. Man darf aber vermuten: Es könnte schwierig werden. Kein Wunder also, dass aufgeweckte Zeitgenossen sich schon jetzt nach einem halbwegs sicheren Zufluchtsort umsehen. Angeblich gilt Neuseeland manchen als so ein Ort.

Peter Thiel und Larry Page etwa. Sie sind nicht irgendwer. Die beiden Amerikaner sind Multimilliardäre und gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Thiel als Erfinder der Bezahlplattform PayPal. Page als einer der Gründer von Google. Beide, so war nun zu lesen, haben sich inzwischen ein ständiges Aufenthaltsrecht in Neuseeland gesichert. Ein äußerst selten gewährtes Privileg.

Ob der Pazifikstaat Neuseeland wirklich als Zufluchtsort für Klimaflüchtlinge taugt? Ich weiß es nicht. Interessanter finde ich an dieser Geschichte etwas Anderes. Dass es die Superreichen dieser Welt sind, die sich mit Geld und Einfluss schon mal Privilegien und Plätze in einer vermeintlichen Arche sichern.

Nach der biblischen Erzählung war das nämlich jenes Gefährt, das Noah und die seinen vor der alles vernichtenden Sintflut bewahrt hat. Mag der Rest der Menschheit auch untergehen, so scheint es. Ein paar Superreiche und Clevere haben sich ihren Platz gesichert. Vielleicht ist das ein Spiegelbild unserer Welt und wie sie funktioniert. Aber auch eine Verkehrung der biblischen Geschichte.

Denn darin trifft die Katastrophe am Ende alle gleichermaßen. Reiche und Arme. Mächtige und Ohnmächtige. Weil es die Menschheit, so erzählt es diese uralte Geschichte, gründlich verbockt und die einstmals gute Schöpfung moralisch heruntergewirtschaftet hat. So sehr, dass nur ein noch Neuanfang helfen kann.

Er findet sich im mythischen Bild dieser Arche. Doch in der biblischen Geschichte werden die Plätze darin weder durch Geld noch Einfluss vergeben. Gott selbst vergibt sie.

Die Sintflutgeschichte der Bibel endet allerdings auch mit einem großen Versprechen an uns alle. Nie wieder, versichert Gott, nie wieder soll das Leben auf der Erde von nun an vernichtet werden.

Für mich heißt das: Wir sind nun selbst für das Überleben der Schöpfung verantwortlich. Und wenn es eng wird, dann sitzen wir - bildlich gesprochen - alle im selben Boot.

Die rettende Arche für wenige Auserwählte wird es nicht mehr geben. Nirgendwo. Es liegt an uns, ob wir die Kurve bekommen. Gemeinsam oder gar nicht.


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Dieser Beitrag wurde am 17.09.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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