Wort zum Tage, 16.09.2021

Martin Wolf, Mainz

Auf heiligem Boden

Gut fünf Wochen liegen die Olympischen Spiele in Tokio jetzt zurück. Neben all den Emotionen sind es vor allem ein paar starke Bilder, die davon in Erinnerung bleiben. Ich selbst habe die Wettkämpfe nicht besonders intensiv verfolgt, aber an ein Bild im Fernsehen erinnere ich mich dennoch besonders.

Am Ende eines harten Kampfes holte sich der deutsche Ringkämpfer Frank Stäbler noch die olympische Bronzemedaille. Es war sein letzter Kampf. Nie mehr wieder, so hat er gesagt, wolle er einen Ringkampf bestreiten. Nie wieder als Ringer auf der Matte stehen. Sein Körper mache einfach nicht mehr mit.

Als Zeichen für das Ende seiner sportlichen Karriere zog sich Stäbler seine Schuhe aus und kniete einen kurzen, innigen Moment reglos hinter seinen Schuhen auf der Matte. Eine bewegende Szene.

Ich musste bei diesem Bild unweigerlich an eine andere Geschichte denken, eine aus der Bibel. Als Mose in der Wüste Gott in einem brennenden Dornbusch begegnet, da sagt Gott aus dem Dornbusch zu ihm:

„Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“

Über diese Geschichte habe ich oft nachgedacht. Heiliger Boden. Könnte das nicht ganz Vieles sein? Vielleicht auch eine Ringermatte, auf der jemand seine lange und oft auch schmerzvolle Karriere beendet? Könnte das für andere nicht auch der Rasen eines Fußballstadions sein, in dem ein großer Triumph gefeiert wurde?

Der „heilige Rasen von Wembley“ ist unter Fußball-Enthusiasten schließlich legendär. Und womöglich gibt es sogar noch viel mehr Orte, die uns durch unser Leben begleiten und die für uns zu einem heiligen Boden geworden sind.

Die Parkbank, auf der es zum ersten, leidenschaftlichen Kuss gekommen ist. Das Sprechzimmer des Arztes, der mir mitteilt, dass meine Krankheit geheilt werden konnte. Aber auch der Raum, in dem ich mit schwerem Herzen Abschied nehmen muss von einem innig geliebten Menschen. Für einen Menschen, der glaubt, kann heiliger Boden im Prinzip überall sein.

Überall da, wo für einen unvergesslichen Moment der Himmel offen zu sein scheint. Wo ich ahne, dass Gott mir in diesem Moment ganz nahe gewesen ist.


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Dieser Beitrag wurde am 16.09.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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