Wort zum Tage, 14.09.2021

Martin Wolf, Mainz

Zumutung

Es gibt ein Sprichwort, an das ich denken musste, als ich vor zwei Monaten die schockierenden Bilder aus den Überflutungsgebieten sah:

„Der liebe Gott mutet uns nur so viel zu, wie wir auch tragen können.“

Ob das wirklich so stimmt? Ich habe da Zweifel. Sicher, es gibt so viele unglaublich starke Menschen dort, die ihr Schicksal nun tragen. Aber es sind ja nicht nur die Schreckensbilder aus Dernau oder Ahrweiler, aus Erftstadt oder Euskirchen.

Zu ihnen gesellen sich die Bilder unzähliger Katastrophen in anderen Teilen der Welt, und sie sind nicht minder schlimm. Verzweifelte Menschen in Südeuropa, die im Feuerinferno alles verlieren. Traumatisierte Flüchtlinge, die seit Jahren unter erbärmlichen Umständen in völlig überfüllten Lagern vegetieren.

Ohne Hoffnung und ohne Perspektive. Es sieht fast so auch, als ober der vermeintlich liebe Gott nach diesem Sprichwort viel zu vielen Menschen Unmenschliches zumutet. Und ganz oft wahrscheinlich auch mehr, als ein einzelner Mensch ertragen kann.

Vermutlich geht das Wort auf einen Satz des Apostels Paulus zurück, den er einmal an die junge Christengemeinde von Korinth geschrieben hat. Da allerdings geht es erst mal nicht um Naturkatastrophen, nicht um Tod und Zerstörung. Dort heißt es vielmehr:

Gott ist treu. Er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft versucht werdet.

Von einer Versuchung im Glauben ist da also die Rede. Von der Versuchung, von jenem Glauben wieder abzufallen, den Paulus ihnen als Apostel gerade erst mühsam gebracht hatte.

Paulus hat wohl die Erfahrung gemacht, dass das viel schneller gehen kann, als gedacht. Durch äußere Einflüsse und Ereignisse, die Zweifel aufkommen lassen an diesem Gott. Zweifel daran, dass dieser Gott wirklich so mächtig und so gut zu den Menschen ist wie erhofft.

Zweifel daran, dass dieser Gott überhaupt irgendwie helfen kann. In der Tat. Wer Gott als einen Gott versteht, der für alles, was uns Menschen widerfährt verantwortlich ist, der kann tatsächlich nur verzweifeln. Ja, irre werden an so einem zynischen und mitleidlosen Gott.

Doch mein Glaube ist das nicht. Was ich Gott vorwerfen könnte? Dass er die Welt mitsamt uns Menschen so unvollkommen gemacht hat, wie sie nun mal ist.

Ich glaube aber auch, dass er nach christlicher Überzeugung ein Gott ist, der auch dem letzten Verlorenen noch nachgeht. Der das kaum Erträgliche sogar selbst durchleidet. Der, wenn es ganz dicke kommt, mit mir gehen wird über die Grenze des Lebens hinaus.

Auf das besagte Sprichwort bezogen heißt das für mich: Es ist nicht Gott, der mir Schicksalsschläge schickt. Aber wenn mich einer trifft, dann darf ich hoffen, dass er da ist und ihn mit mir gemeinsam trägt.


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Dieser Beitrag wurde am 14.09.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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