Wort zum Tage, 13.09.2021

Martin Wolf, Mainz

Leben ist mehr

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das weiß schon die Bibel. Es ist ein Disput zwischen Jesus und dem Satan, in dem dieser Satz fällt. Steine soll Jesus in Brot verwandeln, verlangt der Versucher von ihm.

Aber Jesus lehnt ab und hält ihm stattdessen diesen Satz entgegen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund. Will heißen: Ich lebe nicht nur vom Plan- und Erwartbaren, sondern auch vom ganz Unverhofften und Überraschenden. Leben ist mehr.

Inzwischen ist mir das schon ein paar Mal passiert. Da drückt mir jemand unvermittelt eine Flasche Wein in die Hand. Einfach so, als kleines Dankeschön für getane Arbeit. Und jedes Mal aufs Neue bin ich überrascht und irgendwie auch ein bisschen beschämt. Denn meistens habe ich einfach nur meinen Job gemacht. Riesig gefreut habe ich mich über die kleine, unverhoffte Überraschung trotzdem jedes Mal.

Trotzdem wäre sie schlicht nicht nötig gewesen. So ist das ja immer mit den Geschenken. Nötig sind sie nie. Ein Geschenk ist schließlich keine Quasi-Bezahlung für eine Nachbarschaftshilfe, ein schnelles Anpacken, eine reibungslose Zusammenarbeit. Dann wäre es kein Geschenk mehr.

Geschenke sind im Sinne einer kalten ökonomischen Logik vollkommen sinnlos. Unnötig. Rausgeworfenes Geld. Aber vielleicht sind sie genau deshalb ganz besonders wichtig. Weil der Mensch nicht nur vom Brot allein leben kann. Oder anders gesagt: Nicht nur vom Zähl- und Erwartbaren, vom Geld, vom Erfolg.

Leben ist mehr. Leben ist immer auch unverhofft und überraschend, schockierend und beglückend. Oder wie es ein bekanntes Wort des Beatles John Lennon ausdrückt:

"Leben ist das, was dir passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen."

Und gerade das macht es so wertvoll.

Letztlich wird mich nämlich kein noch so penibler Plan vor Katastrophen oder plötzlichen Schicksalsschlägen bewahren. Sie bleiben die dunkle Seite meines Lebens. Aber genau so wenig vor beglückenden Begegnungen und unverhofften Geschenken, die es reich machen.

Als glaubender Mensch kann ich jedoch in beiden Momenten etwas von Gottes Spuren in meinem Leben erahnen. Als der Grund, der mich hält, wenn mir der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Und von jenem Gott, der will, dass ich lebe und mich an meinem Leben freue.

Nein, vom Brot allein kann ich nicht leben. Ich brauche dazu auch jedes liebevolle Wort, jedes kleine Geschenk, dass mich manchmal ganz unvermittelt überrascht.


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Dieser Beitrag wurde am 13.09.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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