Wort zum Tage, 09.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Ehrlich, nicht dumm

„Jetzt komm, lass doch“, raunt mir meine Tochter zu. Sie hat es eilig. Bei einem Konzertbesuch habe ich uns in der Pause etwas zu trinken gekauft. Doch als ich das Wechselgeld in meiner Hand betrachte, stutze ich. Irgendwas stimmt da nicht. Die Frau hinter der Theke hat mir einen Euro zu viel herausgegeben. Ein simpler Rechenfehler. Für einen kurzen Moment bleibe ich stehen und zögere– und gehe dann doch zurück zur Theke, um ihr den zu viel heraus gegebenen Euro zurück zu geben.

Ein kurzer Moment nur war es, den ich gezögert habe, und doch hat er mich noch eine ganze Weile beschäftigt. All die üblichen Entschuldigungen, die ich nur zu gut kenne, sind mir in diesem Moment durch den Kopf gehuscht. Was geht dich das eigentlich an? Ist doch ihr Problem, wenn sie nicht rechnen kann. Du hast eben Glück gehabt, steck‘ ihn ein und vergiss es. So ein Euro bringt ja niemanden um. Ob das nun so stimmt oder nicht, sei mal dahin gestellt. Aber der eine Euro war auch gar nicht mein Problem. Mein Problem war die Ehrlichkeit. Und wenn die schon bei einem Euro ins Wanken gerät, stehen dann nicht längst alle Schleusen offen? Welchen prinzipiellen Unterschied macht es eigentlich noch, ob es um einen, zehn oder 1000 Euro geht? Auch wenn es Zeitgenossen geben mag, die immer mitnehmen, was sie kriegen können – als Rechtfertigung fürs eigene Verhalten können sie wohl kaum herhalten. Wie könnte ich noch glaubwürdig gegen korruptes Verhalten wettern, wie mich über Leute aufregen, die das Finanzamt betrügen? Wie soll ich meine Kinder zu Ehrlichkeit anhalten, wenn ich es damit selber nicht so genau nehme, ganz egal, um welche Summen es dabei geht?

Der Ehrliche sei doch meistens der Dumme, heißt es leichthin. Im schlimmsten Fall als Entschuldigung dafür, es mit der Ehrlichkeit in finanziellen Dingen doch bitte nicht so bierernst zu nehmen. Das ist Unsinn. Der Ehrliche ist vielmehrderjenige, der den Laden zusammenhält. Sicher wird es mehr als einmal vorkommen, dass der, der es nicht so genau nimmt, den größeren Reibach macht. Dass so jemand schneller und zielstrebiger nach oben kommt. Den möglichen Flurschaden nimmt er dabei gleichgültig in Kauf. Wer sich an die Ehrlichkeit hält, mag bewusst auf einen vermeintlichen Vorteil verzichten. Doch er kann etwas viel Wichtigeres dabei gewinnen: Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein, alles andere ist von Übel, nennt das die Bibel. Kein „Rumeiern“ also und keine angebliche Bauernschläue. Ehrlichkeit ist gefragt. Auch im Kleinen. Am Ende ist sie es, die eine Gesellschaft zusammenhält.


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Dieser Beitrag wurde am 09.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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