Morgenandacht, 11.09.2021

von Dietmar Rebmann, München

Klagepsalm

„Die Welt geht unter!“

Das sollen viele gedacht haben, als am 11. September 2001 die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York von Flugzeugen getroffen wurden. Genau 20 Jahre ist das her. Heute um 14:46 Uhr und um 15:03 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

Wo früher die Türme standen, befindet sich heute eine Gedenkstätte. Hier stehen die Namen der Opfer auf dem Rand einer Mauer, um jeweils zwei große Wasser-Becken herum. Von diesem Mauerrand fließt Wasser in breiten Strömen in die Mitte des Beckens.

Man denkt sofort an Ströme von Tränen, die hier zusammenfließen. Das Leben steht still, aber die Tränen laufen. Auch die Erinnerungen fließen immer wieder zu den Menschen hin, die hier ihr Leben gelassen haben.

Die politischen Hintergründe für solche Ereignisse werden immer wieder reflektiert, aber für den einzelnen Menschen, der trauert, ändern diese Analysen oft lange nichts, es bleibt das Gefühl von „Weltuntergang“. Und daher die Frage: Komme ich da emotional wieder heraus? Und wenn ja, wie?

Auch mein persönlicher Weltuntergang steht mir heute deutlich vor Augen. Heute am 11. September hat mein Vater Geburtstag. Er starb, als ich 19 Jahre alt war. Sein Tod war für mich damals gefühlt so, als wenn mein Leben nun vorbei wäre.

Der Uhrzeiger bewegt sich nicht mehr. Du atmest und agierst, aber es ist Stillstand in dir drin. Und für viele Jahre war meine zentrale Frage: was bringt mich wieder aus der Erstarrung, was führt mich zurück ins Leben?

Ich habe erst lernen müssen, über seelischen Schmerz sprechen zu können. Das lernt man nämlich nicht, nicht in der Schule, nicht in der Ausbildung und selten in der Familie. Mein Umweg ging damals über das Schreiben eines Klagepsalms, wie sie auch im Alten Testament der Bibel aufgeschrieben sind, in denen die Verfasser Gott ihre Klage vorhielten.

Im Rahmen eines Seminars sollten auch die Teilnehmenden damals ihren ganz persönlichen Klagepsalm verfassen. Meiner wurde mehrere Seiten lang. Ich hatte plötzlich ein Gegenüber, dem ich alles hinüberschreien konnte:

„Gott, du bist schuld an meinem Elend, du hast mich im Stich gelassen, du bist grausam, du interessierst dich nicht für mich.“

Dabei bin ich eigentlich gar nicht davon ausgegangen, dass Gott an meiner Situation schuld sei, dass er sie absichtlich herbeigeführt hätte. Aber ich sollte in dem Moment meinem Schmerz eine Stimme geben. Durfte in den Bildern der alttestamentlichen Psalmgebete beschreiben, wie ich mich fühlte: wie in der Unterwelt, allein, voller Schmerz, kraftlos.

Der wichtigste Moment in diesen Klagepsalmen ist aber der, wenn sich plötzlich eine Wende anbahnt. Wenn man keine Kraft mehr zum Schreien und Klagen hat, wenn man alles aus sich herausgeweint hat, dann, am tiefsten Punkt, spürt man, dass man ja jemanden angesprochen hat, dass da ein Zuhörender ist. Und man schaut nach oben und sagt:

„Du aber

Mit diesem „Aber“ beginnt der Rückweg aus der seelischen „Unterwelt“.
„Du aber lässt mich nicht hier unten, du siehst mich, du hörst meine jammernde Stimme, du ziehst mich heraus aus der Tiefe.“

„Du aber“ ist wie ein Zauberwort, mit dem eine neue Perspektive entsteht, natürlich nicht über Nacht. Sie lässt sich nicht „machen“. „Du aber“ ist erst ein Seufzer, dann ein Ausruf und schließlich eine kleine Melodie, die man im Ohr hat.

Die Klagepsalmen in der Bibel sind Lieder und sie haben dann auch einen versöhnlichen Schluss, durch den Wechsel ins Positive, in den Dank. Oft bekommen wir nämlich inmitten von Problemen und Vorwürfen auch eine neue Sicht auf unsere Freiheit, so dass ich spüren kann: Ich kann selbst Hand anlegen und meinen Lebensweg aktiv gestalten, trotz der Einbrüche und Abbrüche.

Dann wird es in mir wieder klarer: Es gibt für Gott keine ausweglosen Situationen. Gleichzeitig weiß ich, dass Gott nicht alles erklärt, nicht jeden Widerspruch auflöst. Christsein ist weder problembeladen noch ein Leben von einem Happy End zum nächsten.

Manchmal erleben wir Gottes Eingreifen und Dinge ändern sich. Daher kann es helfen, den Ausruf wie eine kleine Melodie im Alltag immer wieder im Herzen zu haben: Du aber…!


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Dieser Beitrag wurde am 11.09.2021 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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