Morgenandacht, 10.09.2021

von Dietmar Rebmann, München

Kreuzzeichen

In einer befreundeten Familie ist ein lieber Mensch gestorben. Aktuell steht auf dem Grab ein schlichtes Holzkreuz mit dem Namen drauf. Bis ein Grabstein in Auftrag gegeben werden kann, wird es noch einige Zeit dauern, denn unter den Angehörigen ist eine Diskussion entstanden, ob darauf dann ein christliches Kreuz mit eingearbeitet werden soll oder nicht.

Ich finde diese Diskussion gut, so wird über das Kreuz gesprochen. Schon in den Anfängen der christlichen Kirche war das Kreuz alles andere als selbstverständlich – erst später wurde es zum zentralen Symbol des Glaubens. Am Kreuz schieden sich die Geister.

Es blieb die Frage: Warum das Kreuz? Warum ist das so geschehen, wenn Jesus doch wie kein anderer mit Gott verbunden war, ihm vertraute und aus seiner Kraft lebte und handelte? Wenn Gott allmächtig ist, warum ließ er dann zu, dass Jesus gekreuzigt wurde? Welchen Sinn hat das Kreuz? Darauf mussten die ersten Christen eine Antwort finden.

Besonders intensive Gedanken hat sich dazu der Apostel Paulus gemacht. Er hat das Kreuz entschlüsselt - und gibt dabei zu, dass das schwer zu verstehen ist. Im Leiden und Tod am Kreuz nach einem Sinn zu suchen, klinge in den Ohren vieler wie eine große Dummheit. Und doch hält er daran fest und schreibt: Wir verkünden Christus, den von Gott gesandten, als Gekreuzigten.

Paulus befürchtet, seine Gemeinde könnte das Kreuz aus den Augen verlieren. Denn damit würde sie ausblenden, was doch auch Teil ihres Menschseins ist: Verletzlichkeit und Schmerzen, Leiden und Ohnmacht, Angst und Trauer, Einsamkeit und Versagen.

All diese Zumutungen unseres Lebens, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir nicht wollen und mit denen wir trotzdem umgehen müssen. Hier, genau in diese Zumutungen, hat sich Gott hineinbegeben, sagt Paulus. Diese Erkenntnis hat sein eigenes Leben und seinen Glauben umgekrempelt.

Denn dadurch ist das Kreuz und das Leid der Ort, wo uns Gott auch in der allertiefsten Tiefe ganz nahe ist. Da also, wo wir selbst nicht mehr weiter wissen und nichts mehr ausrichten können. Wo wir mit unseren Möglichkeiten und Kräften am Ende sind.

Dort, an diesem Ort, wirkt Gott. Es ist seine Kraft, die uns das Schwere durchstehen lässt. Die uns innerlich aufrichtet und ermutigt. Im Ereignis äußerster Schwachheit und des größten Scheiterns Jesu liegt für Paulus die Kraft Gottes, die Böses zum Guten und Tod in Leben wandeln kann. Paulus selbst hat dies in gefahrvollen Situationen erfahren. Deshalb bleibt für ihn das Kreuz so wichtig.

Vor vielen Jahren habe ich an einem Gespräch im ökumenischen Zentrum im französischen Taizé teilgenommen. Es war genau in der Zeit, als mein Vater noch sehr jung ums Leben kam. In dieser für mich aufwühlenden Zeit habe ich mir einen Satz eingeprägt, den einer der Brüder von Taizé gesagt hat:

„N'oubliez jamais le deuxième signe de croix.“

Vergiss niemals das zweite Kreuzzeichen.

Damit hat er gemeint, dass wir unsere Gewohnheit oft noch pflegen, vor einem Ereignis ein Kreuz zu machen als Bitte um Hilfe und Segen. Dass wir aber vergessen, hinterher ein zweites Kreuzzeichen zu machen.

Wenn ich nämlich eine schwierige Herausforderung oder eine leidvolle Situation durchgestanden habe, dann vergesse ich leicht, das noch einmal mit Gott in Verbindung zu bringen.

Mit einem zweiten Kreuzzeichen kann ich meinen Glauben zum Ausdruck bringen, dass ich auf Gottes Beistand und seine Kraft gerade in dieser schweren Situation bauen durfte – und dass ich dafür dankbar bin.

Oder ich habe eine Niederlage erlitten, stehe womöglich vor den Trümmern meines Lebens, dann kann das zweite Kreuzzeichen mich in Kontakt mit Gott halten, in der Hoffnung darauf, dass er gerade jetzt, da es schwierig ist, nicht verschwunden ist. Im Gegenteil: Genau jetzt ist er da.

N'oubliez jamais le deuxième signe de croix. Vergiss niemals das zweite Kreuzzeichen!


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Dieser Beitrag wurde am 10.09.2021 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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