Morgenandacht, 09.09.2021

von Dietmar Rebmann, München

Platzsuche

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann gab es immer zwei Themen, die zu Beginn eines neuen Schuljahres im Mittelpunkt standen: Wer wird mein neuer Klassenlehrer oder meine neue Klassenlehrerin und -noch wichtiger- wo werde ich sitzen?!

Tagelang ging es um diese Frage: Neben wem ich sitzen möchte und neben wem nicht so gern. Denn irgendwann hieß es: Ihr könnt euch noch einmal umsetzen, aber dann ist Schluss. Stress pur war das.

Denn den richtigen Platz zu haben, entscheidet auch darüber, wie wohl ich mich fühle und wie konzentriert und leistungsbereit ich dann bin.

Die Platzverteilung ist grundsätzlich eine wichtige Frage. Man kann falsche oder blöde Plätze erwischen bei einer Hochzeit, im Konzert oder bei einer Zugfahrt. Und man kann die Frage noch umfassender stellen: Welchen Platz habe ich im Leben? In der Familie? Im Freundeskreis? Im Beruf? Welchen Platz wünsche ich mir?

Und schließlich: Was kann ich dafür tun, wenn selbst Reservierungen so manche Enttäuschung mit sich bringen und Vordrängeln oder Ausnahmewünsche nicht so gern gesehen sind?

Solche grundsätzlichen Fragen werden häufig auch in den biblischen Erzählungen verhandelt. So ist auch für die Jünger Jesu die Platzfrage eine ganz entscheidende. Die Jünger Jakobus und Johannes lösen sich aus der Gruppe der Jünger heraus und wagen es, Jesus zu bitten:

„Meister, lass uns in deiner Herrlichkeit einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen.“

Ganz klar sagen die beiden, was sie wollen. Vielleicht auch deshalb, weil sie bei den Ersten waren, die Jesus überhaupt berufen hat. Jesus weist ihre Bitte aber ganz klar zurück. Erstens ist es nicht seine Sache, besondere Plätze zu vergeben. Und zweitens, wird jeder den Platz bekommen, der ihm zusteht. Fertig!

Die anderen Jünger haben natürlich davon mitbekommen und ärgern sich über den Vorstoß von Johannes und Jakobus. Vordrängeln kommt einfach nicht gut an. Jesus aber nutzt diese plötzliche Unruhe und redet Klartext mit den Jüngern.

Er setzt andere, neue Maßstäbe. Er sagt: Wer groß sein will, der soll euer Diener sein. Wer einen besonderen Platz haben will, der lasse all die anderen vor und sorge dafür, dass sie es gut haben.

Nicht mein Platz ist also entscheidend, sondern der der anderen. Demnach ginge es also in der Klasse nicht darum, dass ich den besten Platz habe, sondern, dass die anderen einen möglichst guten Platz haben und selbstverständlich würde ich dafür sorgen.

Gleiches gilt für das Fest, zu dem ich eingeladen bin. Das bedeutet dann: Mein Platz im Leben ist dann gut und richtig, wenn ich dabei über den Tellerrand hinausschaue und nicht meine Interessen in den Vordergrund stelle, sondern mich um andere sorge und mich damit für unsere Welt einsetze. Ein großer Anspruch. Kann man dem gerecht werden?

Es geht hier um eine Grundhaltung. Jesu Leben ist ein dienendes Leben. Er sagt: Jeder hat seinen Platz, denn jeder ist geliebt von Gott. Und so ist es nicht nötig, um die besten Plätze irgendwo zu kämpfen, schon gar nicht bei Gott. Bei ihm hat jeder seinen Platz, ohne Rangordnung. Er vergisst keinen. Das hört sich gut an und lässt aufatmen. Das schenkt Freiheit und Sicherheit.

Und es sagt noch etwas: Dort, wo ich mich einsetzen kann für andere, wo ich meine je eigenen Fähigkeiten einsetzen kann zum Wohl für mein Umfeld, zum Wohl für die Welt – dort ist auch mein Platz. Und zwar der beste, den ich bekommen kann – und dieser Platz ist dann ganz sicher nah bei Gott.


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Dieser Beitrag wurde am 09.09.2021 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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