Morgenandacht, 07.09.2021

von Dietmar Rebmann, München

Überwindung

Ich hatte in der Schule viele Jahre einen Lehrer für Französisch und Sport als Klassenleiter. Von ihm habe ich auch in meinen späteren Jahren viel profitiert, wie ich heute glaube.

Denn er hatte stets eine sehr einfache, aber wirksame Methode gegen meine Widerstände beim Vokalbellernen, beim Übersetzen oder beim Geräteturnen. Er sagte dann:

„Du musst dich nur ein klein bisschen überwinden.“

Und dabei hat er immer so nett gelächelt.

Das stimmte natürlich oft nicht, denn über große Kisten springen und am Barren irgendwelche Umschwünge zu machen, kostete mich viel Überwindung und verursachte manchen Schmerz. Aber dieser Satz hat es mir möglich gemacht, mich wenigstens auf die Aufgabe einzulassen.

Heute denke ich mir: Die Formel zur Überwindung von inneren Widerständen und der damit oft verbundenen Krisen heißt: Ich weise das, was mich herausfordert oder stört, nicht gleich zurück, sondern ich lasse mich jetzt erst einmal darauf ein. Dieses „sich ein klein wenig überwinden“ ist so ein kleiner Ruck, auf den dann später manchmal der große Ruck folgt.

Anschubmotivation könnte man auch sagen. Wie auch immer man es nennt, ich brauche auch heute noch immer wieder diesen auffordernden Impuls, der mich dann auch davor bewahrt, zu schnell zu resignieren.

Wir müssen uns immer wieder innerlich überwinden, das gehört zum Leben. Und es ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit, die Grenzen, die sich ständig auftun, dadurch immer wieder zu übersteigen.

Denn: selbst wenn uns viele Steine in den Weg gelegt werden, sind wir fähig, Großartiges zu leisten. Ein prominentes Beispiel dafür ist für mich die US-Amerikanerin Wilma Rudolph.

Sie ist das zwanzigste Kind in einer Familie von 22 Kindern. Jahrgang 1940. Sie ist eine Frühgeburt und die Ärzte meinten, sie würde wohl nicht überleben. Doch Wilma schafft es. Aber mit vier Jahren bekommt sie eine doppelseitige Lungenentzündung und Scharlach, was zur Lähmung ihres linken Beines führt. Mittels einer Metallschiene lernt sie mühsam zu gehen.

Durch jahrelange Physiotherapie und spezielle Massagen kann sie mit neun Jahren ihre Beinschiene ablegen und beginnt, ohne sie zu gehen. Mit elf Jahren spielt sie mit ihren Brüdern Basketball und erreicht in dieser Sportart an der High School große Erfolge. Mit 13 Jahren beschließt sie, Wettläuferin zu werden. Im ersten Rennen kommt sie als Letzte an.

Und auch in den folgenden drei Jahren ist Wilma in jedem Wettlauf, an dem sie teilnimmt, die Allerletzte. Aber sie trainiert weiter und eines Tages trägt sie den Sieg davon. Am Ende gewinnt dieses kleine Mädchen, von dem man erst meinte, es würde nicht überleben, drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom.

In der vier-mal-100-Meter-Staffel äuft sie zusammen mit ihren Kolleginnen der US-amerikanischen Mannschaft im Vorlauf einen Weltrekord; im Finale sichert Rudolph als Schlussläuferin das Gold vor der deutschen Staffel.

Damit wird Wilma Rudolph endgültig zum Star. Man nennt sie damals aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Laufstils: „Die schwarze Gazelle“.

Als der Gouverneur ihres Heimstaates zur Feier ihrer Heimkehr eine Parade veranstalten will, stimmt Rudolph erst zu, als für diese Feier die Rassentrennung aufgehoben wird; und tatsächlich: Die Parade und das anschließende Bankett werden die ersten Feiern in Clarksville/Tennessee, bei denen die Unterschiede zwischen schwarz und weiß aufgehoben werden. Auch das trägt dazu bei, sie zu einem Vorbild der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu machen.

Wilma Rudolph ist für mich ein Vorbild dafür, was möglich werden kann, wenn man vor Herausforderungen nicht kapituliert, sondern sie mutig annimmt. Für den Alltag genügt es meist, wenn man sich nur ein klein bisschen überwindet.


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Dieser Beitrag wurde am 07.09.2021 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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