Morgenandacht, 06.09.2021

von Dietmar Rebmann, München

Beharrlichkeit

Wenn die Kameras aus und die Journalisten abgezogen sind, wenn der Focus der Öffentlichkeit nicht mehr auf dem Ort liegt, wo sich einige Wochen zuvor eine heftige Katastrophe ereignet hat und auch die Helfer nach und nach weniger werden, dann kommt es darauf an, dass sich unter den Betroffenen eine ganz besondere Tugend breitmacht, die bisweilen etwas untergeht: die Beharrlichkeit.

Denn wie heißt es in einem Sprichwort: Man ist nicht am Ende, wenn man verloren hat; man ist erst am Ende, wenn man aufgibt. Beharrlichkeit zeigt sich darin, dass wir weiterhin das tun, was notwendig ist, selbst dann, wenn wir meinen, wir hätten alles Notwendige bereits getan.

Manche Menschen zeigen uns vorbildhaft, wie großartig der Mensch sein kann und wie viele kleine und größere Sensationen unser Leben bereichern, wenn wir Beharrlichkeit leben: Für mich gehört Itzhak Perlman zu solchen Vorbildern.

Der israelisch-amerikanische Musiker ist einer der ganz Großen an der Geige und hat bei vielen großen Filmmusiken mitgewirkt. Mit vier Jahren erkrankt er an Kinderlähmung, mit fünf beginnt er, Geige zu lernen, mit neun spielt er zum ersten Mal im Radio.

Am 18. November 1995 betritt dieser Meister an der Geige die Konzertbühne im New Yorker Lincoln Center. Der zu diesem Zeitpunkt 50jährige Perlman hat Schienen an seinen Beinen und geht auf Krücken, die Folgen der Kinderlähmung.

Sein Gang über die Bühne zu seinem Stuhl ist unsicher und er muss sich sehr anstrengen, die Konzertbesucher halten den Atem an. Dann setzt er sich vorsichtig, legt seine Krücken auf den Boden, löst die Schnallen seiner Beinschienen, zieht einen Fuß nach hinten und streckt den anderen vor. Dann bückt er sich, hebt seine Violine auf, legt sie unters Kinn und gibt dem Dirigenten ein Zeichen.

Perlman hat gerade ein paar Takte gespielt, als ein lautes Geräusch wie ein Gewehrschuss durch den Konzertsaal knallt. Eine Saite seiner Geige ist gesprungen. Alle wissen, was dieses Geräusch bedeutet und das Publikum erwartet, dass Perlman die Saite austauscht. Aber er schließt nur einfach seine Augen, konzentriert sich einen Moment und fordert dann den Dirigenten auf, wieder zu beginnen.

Das Orchester setzt ein und sie spielen dort weiter, wo sie aufgehört haben. Perlman spielt mit unglaublicher Leidenschaft, kraftvoll und wohlklingend. Noch nie hat jemand ein Stück mit nur drei Saiten gespielt, aber Itzhak Perlman bringt es zustande, indem er fortwährend moduliert und das Stück quasi im Geiste neu komponiert, während er spielt.

Als das Stück zu Ende ist, herrscht zuerst tiefes Schweigen im Konzertsaal. Dann stehen die Menschen auf und jubeln ihm zu, tosender Beifall kommt aus allen Richtungen. Perlman lächelt, trocknet sich den Schweiß von der Stirn und zieht die Augenbrauen hoch. Das Publikum verstummt und er sagt ganz erschöpft und ergriffen:

„Wissen Sie, manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers, in Erfahrung zu bringen, wie viel Musik man mit dem machen kann, was man gerade zur Hand hat."

So spricht jemand, der sein ganzes Leben beharrlich an seinen Möglichkeiten gearbeitet hat. So entsteht etwas sensationell Neues, wenn man beharrlich bei dem bleibt, was man vorhat, wenn man einfach ausprobiert, was möglich ist und dabei innerlich über sich hinauswächst.

Man kann den Satz von Perlman auch etwas abwandeln und sagen: Manchmal ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, was möglich ist mit dem, was wir haben oder was uns noch geblieben ist.

Und manchmal ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, was Neues entstehen kann, wenn alle Trümmer beiseite geräumt sind.

Man ist nämlich nicht am Ende, wenn man verloren hat; man ist erst am Ende, wenn man aufgibt.


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Dieser Beitrag wurde am 06.09.2021 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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