Am Sonntagmorgen, 05.09.2020

von Andreas Brauns, Schellerten

„Sind wir nicht gerufen, Menschenfischer zu sein?“ Als Bischof auf einem Rettungsschiff

Im Ruhestand ist Bischof Michael Wüstenberg zum Menschenfischer geworden – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Er hilft auf dem Rettungsschiff Sea-Eye 4, das Ertrinkende aus dem Mittelmeer rettet. An Bord zu sein ist für ihn die Kür.

© Joseph Barrientos / Pexels

„Ich bin morgens gern früh aufgestanden und dann so um halb sieben zur Brücke hoch, und ich hab´ mich dann außen bei der Brücke hingestellt und einfach auf das Meer geschaut. Und dann habe ich so gedacht: Es gibt viele Wassergeschichten in der Bibel. Und wir sind ja auch gerufen worden, wie heißt das? Fischer von Menschen zu sein!“

Diesen Satz aus der Bibel nimmt Bischof Michael Wüstenberg wörtlich. Der ehemalige Bischof von Aliwal in Südafrika lebt seit drei Jahren wieder im Norden Deutschlands, doch nach wie vor ist er den Menschen in Afrika sehr verbunden.

25 Jahre hat er mit ihnen zusammengelebt. Er war Pfarrer, Generalvikar, Professor und schließlich Bischof von Aliwal. Dabei wollte er eigentlich nur als Seelsorger in Afrika arbeiten. Dafür hatte er sich vom Dienst im Bistum Hildesheim freistellen lassen.

Lebensretter im (Un-)Ruhestand

Aufgewachsen ist Michael Wüstenberg in Hamburg. Als junger Rettungssanitäter hat er dort am Meer immer wieder erlebt, wie Menschen das Wasser unterschätzen und in Lebensgefahr geraten.

Leben retten, Menschen fischen: Das lässt den Bischof im Unruhestand nicht los.

„Ich mach jetzt die Kür. Und das, was ich jetzt unternommen hatte, ist für mich Teil dieser Kür, also etwas zu machen, was mir wirklich am Herzen liegt. Ich bin auf einem Rettungsschiff mitgefahren: Der Sea-Eye 4, das ist ein altes Offshore-Versorgungsschiff, das in Rostock, instandgesetzt wurde für diese Aufgabe von vielen Freiwilligen, so 250 ungefähr, über sechs Monate. Diese Leute bewunder´ ich wirklich, die sich da so eingesetzt haben.“

Um zusammen eine Vision zu verwirklichen: Menschen zu retten. Und so den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer ein menschenfreundliches Europa zu zeigen.

Der Exot an Bord

Mit vielen anderen hat der emeritierte Bischof im Frühjahr das Rettungsschiff begleitet – auf dem Weg von Rostock nach Burriana in Spanien. An Bord war der Kirchenmann für einige so etwas wie ein Exot. Ging es doch darum mit anzupacken.

„Manche haben vielleicht komisch geguckt, aber für viele war das erstmal ´ne Größe, mit der sie nichts zu tun haben, also etwas Unbekanntes. Hat was mit Kirche zu tun oder auch die Unsicherheit, wie reden wir den an? ‚Wir sagen normalerweise ‚Du‘ hier, wie können wir das denn mit Ihnen machen?‘ Und da hab‘ ich gesagt: ‚Macht das ganz normal, wie immer ihr das macht.‘ Ich hab‘ sehr viele schöne Gespräche geführt mit den Leuten. Über ihre Erfahrungen, über ihren Einsatz.“

Dabei hat er gehört, wie die Nachrichten aus dem Mittelmeer junge und ältere

Menschen angetrieben haben, für eine bestimmte Zeit aus ihrem Alltag auszusteigen und sich mit anderen zu engagieren: Für ein Schiff, das Menschen rettet, die auf einer tödlichen Fluchtroute in Lebensgefahr sind. Das wollte Bischof Michael Wüstenberg mit ganzer Kraft unterstützen.

„Die Frage der Ertrinkenden im Mittelmeer, die ging mir schon lange durch den Kopf und berührte mich auch, als ich Bischof in Aliwal war. Südafrikaner sind nicht betroffen, die laufen nicht so weit hoch, bis sie dann nach Libyen kommen. Aber Leute von dem Kontinent, auf dem ich lebte und auf dem ich mich wohl fühlte und zuhause fühlte, dass die da vor den Küsten Europas ertrinken, hat mich sehr geärgert.“

Festgesetzt in Palermo 

Das Rettungsschiff Sea Eye 4 der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation mit Sitz in Regensburg ist für Michael Wüstenberg ein Schiff voller Barmherzigkeit. Fast 30 Crewmitglieder sind bei einem Einsatz an Bord. Boote von Sea Eye sind seit 2016 im Mittelmeer unterwegs.

Diese Boote und die anderer Hilfsorganisationen oder Vereine werden allerdings nicht von allen gern gesehen. Und so hat die Sea Eye 4 ein Schicksal ereilt, das sie mit anderen Rettungsschiffen teilt: Kaum war sie im Mai von der ersten Rettungsfahrt zurück, da wurde sie im Hafen von Palermo festgesetzt. 

Der Vorwurf: Die zulässige Personenzahl war überschritten. Es waren zu viele Gerettete an Bord…

„11. Gebot – Du sollst nicht ertrinken lassen“

So heißt eine Kampagne des Caritasverbandes im Bistum Hildesheim, der mit der Hilfsorganisation zusammenarbeitet.

Doch bevor die Sea Eye 4, im Mai dieses Gebot umsetzen konnte, musste das Schiff während der Überführung auf dem Atlantik erst einmal für den Einsatz fertiggestellt werden.

„Es waren viele Handwerker mit dabei, die letzten Sachen herzurichten z.B. was jetzt eine der erstmaligen Sachen ist, dass da eine Krankenstation auf dem Schiff ist. Und die wurde noch fertiggestellt für die Leute, die dann aufgesammelt werden im Meer. Für die hatten sie auch fünf Wohncontainer raufgeschweißt auf das Schiff als Zusatzausstattung – als Unterkunft.

Und da wurde immer gesprochen, das ist die gängige Redeweise: Das sind die Gästecontainer. Das sind nicht Migranten oder gar Flüchtlinge oder so etwas, sondern das sind unsere Gäste: Menschen, die aus Not herauskommen, die in Lebensgefahr waren und die wir dann aufnehmen. Das war für mich so´n wichtiger Aspekt jedenfalls: Wie man über andere Menschen spricht.“

Solidarisch sein und anpacken

Auch der Bischof hat sich an Bord nützlich gemacht. Hier gab es etwas zu bohren, da war etwas anzuschrauben und immer wieder waren Eisen oder Stahl zu streichen, um sie zu schützen.

„Mich hat beeindruckt der Einsatz der Arbeitseifer dieser Leute, die fast unermüdlich arbeiteten, gar nicht zu stoppen waren. Und da hab‘ ich so gedacht: Das ist die Triebkraft, wahrscheinlich die Vision oder diese Sehnsucht, dieses Schiff zum Laufen zu kriegen. Dass das wirklich gehen kann. Und viele von denen fahren ja nicht auf Rettungseinsätzen mit.

So viele passen gar nicht drauf auf das Schiff. Die brauchen ja Platz für die Leute, die sie retten. Aber alle sind wichtig für den Einsatz. All die verschiedenen Dinge, die sie da tun. Ob sie da diese Container ausgestattet haben…

Und die sind wirklich schön geworden, die haben wirklich gute Fähigkeiten. Das war so die Sache, wo ich dann dachte: Wenn wir so gucken und fragen: Wie ist das mit denen und ihrer Kirchlichkeit? Die kann ich direkt so nicht ausdrücken. Aber ich hab‘ gedacht, das ist gelebt das, wovon wir eigentlich träumen.“

Als Getaufte solidarisch zu sein mit Menschen. Für den Bischof gehört das unbedingt zum Christsein dazu, obwohl es ein mehr als unbequemer Grundsatz ist. In der katholischen Tradition festgeschrieben in der Soziallehre der Päpste. Darin stehen das menschliche Zusammenleben und soziale Zusammenhänge im Mittelpunkt.

Alle haben die gleiche Würde

Die Idee der Solidarität als Sozialprinzip des mitmenschlichen Zusammenhalts gehört zu den zentralen sozialethischen Grundpfeilern. Sie setzt an beim Menschen und leitet daraus eine wesensmäßige Gleichheit ab. Das bedeutet: Alle haben die gleiche Würde.

Was das heißt, hat Richard von Weizsäcker einmal so gesagt:

„Seiner eigenen Würde gibt Ausdruck, wer die Würde anderer Menschen respektiert.“

Auf den Rettungsschiffen wie der Sea Eye 4 im Mittelmeer sind das keine leeren Worte. Die Schiffe sind Zeichen für die respektierte Würde anderer und für gelebte Solidarität.

„Solidarität, wirklich mit Menschen solidarisch zu sein und nicht zu fragen, wo kommt ihr her, was sind eure Gründe oder so etwas, sondern in diesem Fall: Wir wissen, da kommen Leute hin und die geraten in Seenot. Und denen zu helfen. Und dann auch zu sehen, wenn man nach Gründen fragt, viele Länder in der anderen Welt, nicht im Norden dieses Globus´ leiden ja auch unter den Langzeitfolgen der Kolonialisierung oder so.

Und ein wichtiges Prinzip der Soziallehre ist, dass die Güter der Welt für alle Menschen bestimmt sind, nicht nur für bestimmte Menschen. Häufig wird dieses Prinzip weggelassen. Ich weiß auch nicht, warum. Wahrscheinlich, weil es uns wirklich ans Eingemachte geht, dass die Güter der Welt für alle bestimmt sind und nicht nur für uns.“

Für Bischof Wüstenberg gehört die Soziallehre zum Kern der Botschaft der Kirche für die Welt. Doch wer ihre Grundsätze missachtet, gilt trotzdem vielerorts als guter Katholik.

Die „lapsed chatholics“

Diese Erfahrung hat der Bischof auch in Südafrika machen können. Da wurde es erst kritisch, wenn Menschen nicht mehr am Gottesdienst teilnahmen. Dann wurden sie in Südafrika „lapsed catholics“ genannt.

„Wir machen das ‚lapsed‘ nur fest, dass sie abgefallen sind, das machen wir nur daran fest, dass sie in einem Kernbereich der Kirche, nämlich im Sonntagsgottesdienst, nur da gehen sie nicht hin, daran machen wir fest, dass sie ‚lapsed‘ sind.

Da hab´ ich gesagt: Wir haben auch diese Soziallehre. Könnte es sein, dass viele, die sonntags in die Kirche gehen, ‚lapsed catholics‘ sind, nämlich in dem Bereich, der ganz wesentlich ist und auf dem eigentlich alles andere aufbauen kann: Die Glaubwürdigkeit der Verkündigung und das man dann auch sagen kann: Warum machen wir das eigentlich alles?“

Es reicht für Bischof Wüstenberg nicht, nur einen Gottesdienst mitzufeiern. Denn die Botschaft, die da verkündet wird, kann nicht folgenlos bleiben. Da ist der Geist Gottes, der Menschen unruhig machen sollte, wenn sie um Leid und Not anderer wissen. Dieser Geist, diese Kraft Gottes, ist dem Kirchenmann auf der Überführung des Schiffes ins Mittelmeer begegnet.

„Es ist ja schön, dass wir den Heiligen Geist nicht gepachtet haben. Wir sind ja nicht die Herren darüber. Ich bin ja auch nicht als Bischof, wenn ich zur Firmung gehe, derjenige, der den Heiligen Geist spendet. Manche sagen das ja so. Aber das kann ich eigentlich gar nicht glauben. Vom Englischen her hab‘ ich gelernt, da ist das Wort auch in der katholischen Kirche ´Confirmation´.

Und das bedeutet: Ich bestätige etwas! Dass der da ist. Das würden diese Leute, die da mitfahren, nicht so sagen können und vielleicht auch gar nicht sagen wollen, aber ich mit meiner Weltsicht würde sagen: Ich seh´ hier den Geist Gottes am Wirken. Das ist einfach wunderbar das zu sehen, dass Leute ganz verschiedener Couleur so ´ne Grundmelodie miteinander teilen und sich da energiereich einsetzen.“

„Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“

Und sich dem Chaos auf dem Meer, an der Südgrenze Europas, entgegenstellen.  Getragen von der Sehnsucht, zu helfen. Menschen zu retten, ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Den Bischof erinnert all das an den Anfang der Bibel. Da heißt es:

„Die Erde war wüst und wirr. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und dann habe ich so gedacht, das ist eigentlich wahr: Die Erde ist wüst und wirr. Und die fahren da mit ihren Flößen, mit ihren Booten, ihren Schlauchbooten da über das Mittelmeer, die Flüchtenden und sind diesem so ganz und gar ausgesetzt.

Und dann ist da doch ´n Ordnungsprinzip da: Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser und hier sind Leute, die begeistert sind und mit ihrer Begeisterung, mit ihrer Vision da ´ne Ordnung in diese wüste und wirre Wassersituation hineinbringen, dass Leute leben und überleben können, diese Sehnsucht, die ja im Grund genommen alle Menschen miteinander teilen. Dass das möglich werden kann.“

Doch Sea Eye und anderen Hilfsorganisationen wird vorgeworfen, mit Schlepperbanden zu kooperieren und Menschen erst in Seenot zu bringen, um sie dann – unter den Augen der Presse – retten zu können.

Wer kann wegschauen? 

Ein absurder Vorwurf für Menschenfischer, die retten, weil sie hinschauen und nicht wegsehen, wenn verzweifelte Menschen in Lebensgefahr schweben.  

„Ich hab‘ Leute aus Ghana kennengelernt, Seeleute, die erzählten mir auch von ihren Leuten. Die sagten: Die haben keine Ahnung, was auf sie zukommt. Die gehen nicht aufs Mittelmeer, weil sie wissen, da ist ´n Rettungsschiff für mich. Denen ist überhaupt nicht klar, dass sie womöglich gerettet werden müssen, dass ihr Leben in extreme Gefahr kommt.

Was die lockt, was die motiviert, ist, zu sehen, da gibt es ein Europa und da kann man besser leben, da kann man in Frieden leben, da muss man nicht dauernd Angst haben, auch nicht vor den Herrschern.

Da kriegt man Arbeit und kann auch die eigene Familie womöglich Zuhause damit ernähren. Was also motiviert, das sind wir mit unserer Lebensweise, mit unserem Lebensstil, der oft genug ja auch darauf aufbaut, dass wir günstig Sachen uns besorgen für uns selber und da unten nicht ordentlich bezahlt wird. Aber unser Lebensstil ist das Verlockende und den müssen wir vielleicht auch noch mal angucken.“

Eine Welt, die zusammenwächst, in der Reichtum und Wohlstand auf der einen Seite Elend auf der anderen bedeuten, kann nicht zu einer Welt werden, in der alle Menschen in Frieden leben können.

Doch wer will Eltern verurteilen, die sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschen? Wer kann wegschauen, wenn Menschen alles zurücklassen, um für sich eine Zukunft zu gewinnen?

Eine große Aufgabe für die Kirche

Bischof Michael Wüstenberg sieht sich, wie viele andere auch, in der Pflicht hinzuschauen. Menschen zu retten und so Fischer von Menschen zu sein, die hungern nach Leben.    

„Also, da sind wir alle im selben Boot und müssen sehen: Wie sind wir bereit, das auch zu teilen mit Leuten, die da kommen. Und wie kann man in einer langen Perspektive auch dafür sorgen, dass die Güter der Welt wirklich gerecht verteilt werden.

Und da sehe ich ´ne große Aufgabe auch für Kirche, sich da zu engagieren und die Stimme immer wieder zu erheben gerade für die Leute am Rande, die Armen, die Randsiedler der Weltgeschichte.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Yann Tiersen – Au-dessous du volcan

Yann Tiersen – Point zéro

Yann Tiersen – Au-dessous de volcan

Yann Tiersen – Tabarly


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Dieser Beitrag wurde am 05.09.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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