Wort zum Tage, 03.09.2021

Sabine Lethen, Essen

Trotzkraft

Ich surfe durchs Internet, suche nach einer Inspiration und klicke mich von einem Stichwort zum nächsten. Da springt mir ein Wort entgegen, das ich noch nie gehört habe: „Trotzkraft“.

Das Wort lässt mich nicht mehr los. Trotzkraft – das klingt aufmüpfig und charmant. Das klingt, als dürfe man das nicht so offen zeigen – aber als müsste man es doch unbedingt haben.

Trotzen klingt in meinen Ohren ziemlich negativ. Als trotziges Kind wurde ich häufig ausgeschimpft. Trotziges Auftreten stört, ärgert andere, isoliert. Aber „Trotzkraft“ klingt selbst in meinen Ohren energiegeladen. Mehr nach Kraft als nach Trotz.

„Trotzkraft“ ist ein Buchtitel – stellte ich fest und habe mir das Buch sofort besorgt. Es stammt von Christina Brudereck[1]. Die Autorin hat darin viele ihrer verschiedenen Gedanken zur Trotzkraft zusammengestellt. Ich kann gar nicht aufhören zu lesen. 

Ein Gedanke, ein Gedicht, eine Erzählung. Ich blättere hin und her und sauge die Worte, die Ideen und Impulse nur so auf: Trotz alledem leben, glauben, vertrauen, hoffen. Trotz meiner Erkrankung, meiner Begrenztheit, meines Handicaps. Trotz der Trauer um meine Mutter, trotz der Angst um meine Tochter, trotz der Sorge um meine Lieben.

Trotz all der Katastrophen und Unglücksfälle, der Kriege und Hungersnöte, trotz furchtbarer Schicksale, trotz der Brutalität mancher Menschen, trotz Egoismus und Kälte: leben, glauben, vertrauen, hoffen, das Morgen gestalten.

Nicht aufgeben und mich nicht unterkriegen lassen trotz alledem: das braucht Kraft – eine ganz besondere Kraft, so lese ich. Es geht um eine Stärke des Herzens. Eine Kraft, die übrigens in Gemeinschaft geteilt besser wächst.

Eine Kraft, die Nahrung zieht aus dem Erinnern: Wie viele Männer und Frauen vor mir haben diese Kraft schon gespürt? Und wie vielen ist es bereits gelungen, trotz bedrohlicher, beängstigender Umstände weiterzuleben, weiterzugehen.

Als ich in meinem Freundeskreis über die „Trotzkraft“ rede, erlebe ich mein blaues Wunder: Anderen geht es ähnlich, andere versuchen ebenfalls sich nicht unterkriegen zu lassen. Andere kennen auch Verlust, Trauer, Angst und ohnmächtige Wut. Wie gut, dass wir einander haben und einander erinnern können – erzählen und austauschen können, um unsere Trotzkraft zu stärken!


[1] Christina Brudereck: Trotzkraft. 2Flügel Verlag, Essen. 2021


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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