Wort zum Tage, 02.09.2021

Sabine Lethen, Essen

Dankbar und ratlos

Was sind das bloß für Zeiten, in den wir gerade stecken – geradezu feststecken? Ich höre meine Eltern: Ihr sollt es mal besser haben. Besser – das hieß für sie vor allem: Kein Krieg – niemals sollen unsere Kinder einen Krieg erleben. Und keinen Hunger. Und immer in einer Demokratie leben können.

Das waren aus ihrer Sicht die Grundvoraussetzungen für ein „besseres Leben“. Danach kamen noch eine Reihe von ebenfalls wichtigen, aber nachgeordneten Wünschen: Gesundheit zum Beispiel, keine finanziellen Sorgen, stabile Beziehungen, einen Beruf, der Freude macht und den Tisch deckt.

Dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel ihr Leben unter Pandemiebedingungen würden einrichten müssen, dass sie extremen Wetterlagen ausgesetzt sein würden, das hatten meine Eltern nicht auf dem Zettel. Was würden sie wohl dazu sagen? Ich kann sie nicht mehr fragen, sie sind tot.

Sie hatten allerdings viele Sprüche parat – für jede Lebenslage gab es irgendeine Weisheit: Ärmel hoch und ran. Augen zu und durch. Wer weiß, wozu es gut ist.

Aber ich muss zugeben: Alle diese Sprüche helfen nicht wirklich; dafür ist die aktuelle Lebenslage außerordentlich. Ich bin verunsichert.

Und doch gelingt es mir, nicht zu verzweifeln, nicht zu resignieren, sondern das halbvolle Glas zu sehen. Manchmal lese ich eine Zeile, die mich anrührt, höre einen Satz, der mich aufrüttelt. Manchmal fällt mein Blick auf ein Foto oder einen Buchtitel – und Erinnerungen lassen mich durchatmen.

Ich höre ein Lied, entdecke eine frische Knospe oder einen Schwarm Zugvögel – und kann mich innerlich wieder aufrichten und nach vorne schauen.

Ich muss so etwas nur wahrnehmen. Ich weiß nicht, ob das in mir steckt oder mir zufällt – auf jeden Fall halte ich solche Zufälle und die Fähigkeit, sie sehen und nutzen zu können für eine Gabe, ein Geschenk.

Für dieses Geschenk bin ich dankbar. Und es ist gut, eine Adresse zu haben, bei der ich mich bedanken kann. Es ist gut, ab und zu Gottseidank sagen oder denken zu können.

Gottseidank für all die positiven Dinge und Menschen, die mir begegnen, für die vielen kleinen Ermutigungen, die aufrüttelnden Gedanken. Und dafür, das zu entdecken, was mich weiterleben lässt; was mir hilft meine Sehnsucht wachzuhalten und meinem Vertrauen zu trauen – gerade trotz und wegen der Traurigkeit, der Sorgen und dem Kummer, die ich nicht ignorieren kann.

Alles will ich letztlich Gott überlassen. Erst recht alles, vor dem ich fassungslos und ohnmächtig zugeben muss: Bitte mach du. Ich weiß nicht weiter.


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Dieser Beitrag wurde am 02.09.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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