Wort zum Tage, 01.09.2021

Sabine Lethen, Essen

Werden

Meine Haare wachsen recht schnell und die Frisörsalons waren monatelang geschlossen. Als ich endlich den ersten Termin hatte, saß ich mit einer neuen Erfahrung dort vor dem Spiegel. 

Jahrzehntelang habe ich meine Haare ganz kurz getragen. Das ist praktisch und gefällt mir gut. Doch jetzt habe ich festgestellt: ein bisschen länger ist auch nicht schlecht. „Aber“, so klagte ich der Frisörin mein Leid

„drei Haare drehen sich nach rechts und die nächsten drei nach links. Frisch geföhnt finde ich mich ja ganz okay, aber spätestens nach zwei Stunden sieht es auf meinem Kopf aus wie Sauerkraut.“

Die Frisörin darauf:

„Tja – mit diesen Haaren wurdest du ins Rennen geschickt. Keine Locken, aber lockig. Warum versuchst du dagegen anzukämpfen? Lass sie doch einfach mal ihre Form und Richtung finden.“

Das klingt weise. Seitdem experimentiere ich – mit meiner Frisur und mit diesem Gedanken:

„Damit wurdest du ins Rennen geschickt.“

Also: Womit wurde ich – nicht nur äußerlich betrachtet – ins Rennen geschickt? Was ist meine Grundausstattung und was kam im Laufe meiner Biografie so alles dazu? Was versuche ich zu glätten, zu verstecken oder gegen den Strich zu bürsten?

Und welche meiner Macken könnte ich vielleicht mal versuchen, als Besonderheit zu betrachten, als Spezialität, mit der ich ins Rennen geschickt wurde. Ich sollte vielleicht mal ausprobieren, was passiert, wenn ich das Sauerkraut in meinem Wesen akzeptiere, anstatt mich immer wieder über mich selbst zu ärgern.

Denn alles in allem betrachtet, stimme ich durchaus dem zu, was ich in einem biblischen Psalm lese (Ps 139,13f). Da heißt es:

„Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“

Bei allem Staunen über das Wunder, das ich bin, entdecke ich aber auch Widersprüchliches: ich bin ruhig und besonnen –und aufbrausend; bin spontan –und unentschlossen; friedliebend – und rebellisch und häufig inkonsequent. Auch in meinem Inneren ist „Sauerkraut“.

Auch in meinem Inneren lohnen die Fragen: was will ich hegen und pflegen; was in Form bringen, kultivieren; was sollte gebändigt werden oder gestutzt? Wie kann ich werden, die ich von Gott her bin?!


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Dieser Beitrag wurde am 01.09.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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