Wort zum Tage, 04.09.2021

Sabine Lethen, Essen

Sehnsucht

Immer diese digitalen Konferenzen. Ich bin das zweidimensionale Leben so leid! Ich will endlich wieder mit allen Antennen wahrnehmen, was um mich herum geschieht, will endlich wieder ganzheitlich reagieren – auch mal ohne Worte – dafür mit kleinen Gesten.

Will anderen nahe sein. Regungen und Bewegungen ahnen können, noch ehe sie passieren: Da ist einer auf dem Sprung, da muss eine was loswerden, da sitzt jemand auf heißen Kohlen. Solche nonverbalen Informationen fehlen mir.

Von Videokonferenz zu Videokonferenz wird mir schmerzhafter bewusst, was da alles in den zurückliegenden eineinhalb Jahren auf der Strecke geblieben ist.

Ich sehne mich nach dem echten Leben. Danach, andere so zu erleben, wie ich es gewohnt war. Ich sehne mich nach Zuwendung im wahrsten Sinne des Wortes, danach, auch leise Töne hören zu können.

Ich möchte wieder so richtig ins Gespräch kommen – in Echtzeit und frei von technischer Ausrüstung. Zwischentöne bleiben im Netz und auch am Telefon so leicht auf der Strecke und dringen nur schwer durch die Maske.

Klar, Distanz und Maske machen Sinn. Ich will mich nicht anstecken und ich will um Gottes Willen nicht dafür verantwortlich sein, dass andere über mich angesteckt werden könnten.

Also lasse ich Vernunft walten und halte mein Gefühl an der kurzen Leine – wie so viele Menschen, die wesentlich schlimmer dran waren als ich, die zum Beispiel während des Lockdowns in Altenheimen und Krankenhäusern auf jegliche Kontakte mit ihren Lieben verzichten mussten.

Und jetzt rollt womöglich die nächste Covid-Welle heran. Wieder Lockdown? Mein Gott, so langsam reicht’s! Mir dauert das alles zu lange.

Selbst Noah – um ein biblisches Beispiel zu nehmen – war mit seiner Familie und allerhand Tieren nur 40 Tage in der Arche eingesperrt, bevor neues Leben möglich wurde. Wir warten bald zwei mal 40 Wochen und noch immer ist kein Ende in Sicht!

Die Noah-Geschichte, ein uralter Mythos, erzählt von der Gegenwart Gottes – in größter Not, selbst in Weltuntergangsszenarien.

Ich gehe nicht davon aus, dass Gott für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich ist. Und ich rechne auch nicht damit, dass Gott sie mit einem Schnips beenden könnte.

Aber ich baue darauf, dass Gott uns stärken und ermutigen kann und an unserer Seite ist, um die Situation mit uns auszuhalten und zu ertragen. Ich baue auf die Erkenntnis – oder die Hoffnung? – wie sie im Buch Jesaja[1] beschrieben ist: Gott trägt und schleppt uns – vom Mutterschoß an bis zum grauen Haar.


[1] Jesaja 46,3-4


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Dieser Beitrag wurde am 04.09.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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