Wort zum Tage, 31.08.2021

Sabine Lethen, Essen

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Ich mache Urlaub. Sitze im wunderschönen Mecklenburg, lasse meinen Blick wandern über eine Wiese, den See, den Wald dahinter und die Wolken darüber. Hier stört nichts. Unglaublich wohltuend ist das!

Die letzten Wochen und Monate waren so voll! Ich gucke Libellen beim Fliegen zu und den Wolken, wie sie dahinziehen. Genieße die Welt um mich herum, die herrliche Stille und meine Auszeit.

Aber in diese Idylle hinein überfällt mich ein beklemmender Gedanke:

„Darf ich das überhaupt?“

Darf ich hier sitzen, entspannen und genießen, während andere so sehr leiden? Bilder der Hochwasser-Katastrophe ploppen auf, schieben meine Auszeit-Gefühle einfach beiseite, Berichte von Freiwilligen, die erzählen, dass die Bilder nicht annähernd die Realität wiedergeben können. Das unfassbare Ausmaß des Unglücks – und ich sitze hier einfach nur herum, um mich zu erholen. Muss ich mich dafür schämen?

In einem Radio-Beitrag war kürzlich die Rede von der „Scham der Verschonten“. Das Gefühl ist da bei mir. Daneben meldet sich aber auch eine andere Stimme: Ja, ich darf. Ich darf trotz all des Elends, all der Nöte auf der Welt, weiterhin genießen. Ich darf – nein, ich muss für mich sorgen, muss gucken, dass ich bei Kräften bleibe, mir Verschnaufpausen gönne, meine Seele nähre in der Stille am See.

In diesem Widerstreit der Gefühle bete ich. Nicht, weil ich denke, dass Gott auf meine Anregungen wartet, auf meine Lösungsvorschläge – auch nicht, weil ich mein Gewissen beruhigen will.

In meinem Gebet trage ich meine Ohnmacht vor Gott, meine Hilflosigkeit, die Trauer und die Wut.

Und meinen Dank – die Sonne scheint immer noch, es ist immer noch wunderschön um mich herum und es ist gut, dass ich jetzt grad hier bin. Zum Durchatmen und Auftanken. 

Am Nachmittag schickt mir eine Bekannte zufällig ein Text auf’s Handy. Verfasst von einem Priester, der von der Ahr stammt und derzeit in Jerusalem lebt. Ein Verschonter – Betroffener. Er findet Worte, die mir aus der Seele sprechen, wenn er schreibt:

„Auch, wenn du mir rätselhaft bist, Gott, noch unbegreiflicher jetzt, unendlich fern, so will ich dennoch glauben an dich, widerständig, trotzig, egal, was dagegen spricht. Würdest du nur endlich dein Schweigen beenden, doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott. Halte du mich aus! Und halte mich, Ewiger! Halte mich!“[1]


[1] Monsignore Stephan Wahl. Quelle: Glaube und Leben – Kirchenzeitung für das Bistum Mainz, Ausgabe vom 25.07.2021.


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Dieser Beitrag wurde am 31.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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