Wort zum Tage, 30.08.2021

Sabine Lethen, Essen

Tarschisch

Meine Freundin kennt mich seit unserer gemeinsamen Studienzeit recht gut. Sie spürt sofort, wenn ich mal wieder alles tue, um vor einer unangenehmen Aufgabe auszubüxen. Dann sagt sie leicht spöttisch und mit Anspielung auf eine biblische Stadt:

„Na, wieder einmal Richtung Tarschisch unterwegs?“

Im Studium haben wir beide uns nämlich mit dem Buch Jona beschäftigt. Jona, ein Prophet, dem Gott einen besonderen Auftrag zugeteilt hat. Auf die klare Ansage:

„Steh auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe mein Strafgericht über ihr aus“,

steht Jona wortlos auf und geht los. Aber nicht etwa nach Ninive, um den Auftrag auszuführen, sondern in die genau entgegengesetzte Richtung nach Tarschisch – um zu fliehen! Er drückt sich einfach vor der Aufgabe.

Tarschisch ist in Jonas Augen der am weitesten entfernte Ort auf Erden. Und er tut so einiges, um dorthin zu kommen – so weit weg von seiner Aufgabe, wie es nur eben geht.

Zunächst geht er runter zum Hafen, dort auf ein Schiff, das Richtung Tarschisch fährt. Auf dem Schiff dann ins unterste Deck, wo er ganz hinten, im allerletzten Winkel in den Schlaf fällt. Von dem Unwetter, das das Schiff hin und her wirft, bekommt er nichts mit – so weit „weg“ ist er. 

Als die Seeleute ihn in ihrer Not wecken, ist Jona sofort klar, dass der Sturm mit seinem Verhalten zu tun hat und er bittet die Mannschaft, ihn ins Meer zu werfen. Er sinkt noch tiefer – bis auf den Grund des Meeres. Dort unten verschlingt ihn ein Fisch. Und der bringt ihn heil und sicher binnen drei Tagen zurück an Land. Von dort aus bricht er jetzt schließlich doch nach Ninive auf. Mit der Erfahrung im Gepäck, dass er vor Gott gar nicht türmen kann.

„Na, wieder einmal Richtung Tarschisch unterwegs?“

Klar – die Aufgaben, vor deren Erledigung ich mich drücke, haben nicht die Dimension eines göttlichen Auftrags. Aber die Jona-Geschichte ist so plastisch und menschlich erzählt, dass der Vergleich doch in dem einen Punkt passt: Auch ich will ausbüxen.

Ich büxe gerne aus, wenn mir etwas sehr unangenehm ist. Ich weiß, ich muss dieses eine Gespräch noch führen, aber vorher mache ich noch dies und das und dann ist plötzlich keine Zeit mehr. Oder ich sage etwas zu, obwohl ich weiß, dass ich das nicht schaffen kann – weil ich die Auseinandersetzung scheue.

Jedenfalls bin ich heilfroh, eine Freundin zu haben, die mich mit ihrer augenzwinkernden Frage immer wieder mal zurück an Land bringt – in die Realität, der ich mich stellen muss.


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Dieser Beitrag wurde am 30.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Sabine Lethen

Sabine Lethen, Jahrgang 1958, ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Großmutter. Im Laufe des Lebens absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das Studium der Sozial- sowie der Religionspädagogik. Seit 2003 steht sie als Seelsorgerin im Dienst des Bistums Essen, seit 2017 leitet sie dort eine Gemeinde innerhalb einer Essener Pfarrei. Kontakt: sabine.lethen@bistum-essen.de

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