Morgenandacht, 28.08.2021

von Generalvikar Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Gute Ernte

In diesen Sommertagen sind viele im Garten beschäftigt. Und haben Freude daran, die Ernte einzuholen. Ärgerlich nur, wenn das Unkraut überhandnimmt. In der Bibel, im Neuen Testament, spricht Jesus in einem Gleichnis auch davon. Vom Unkraut, das den Weizen bedroht. Für dieses Unkraut steht im griechischen Urtext das Wort „zizania“ (Matthäus Evangelium 13,24-30).

Zizania ist ein giftiges Gras. Anfangs sieht es aus wie Weizen und ist leicht zu verwechseln, das ist gefährlich. Im Deutschen heißt es Taumel-Lolch, weil derjenige, der davon isst, anfängt zu taumeln. Die Pflanze ist von einem Pilz befallen, der beim Verzehr in die Nerven des Menschen eindringt und zu Schwindel und Sehstörungen führt.

Das altgriechische „Zizania“ hat auch Eingang gefunden in die französische Sprache: „la zizanie“. Übersetzt: Zwietracht und Zank. Das giftige Gras Taumel-Lolch ist heute kaum noch eine Gefahr. Aber „la zizanie“, Zwietracht und Zank, das bringt Menschen nachwievor aus dem Gleichgewicht, lässt sie taumeln und schwanken. Es braucht nicht viel von diesem Gift, um ein Familienfest, ein gutes Betriebsklima oder sogar die Beziehung zweier Menschen zu zerstören.

Wenn Jesus von Zezania spricht, dann meint er, dass Zwietracht und Zank den guten Weizen im Reich Gottes wie Unkraut bedrohen. Den Ort, wo Menschen im Frieden mit Gott und untereinander leben. Im Gleichnis wird das giftige Gras verbrannt und der Weinbergbesitzer sagt:

„Den Weizen aber bringt in meine Scheune.“

Jesus sagt damit: Trotz des Unkrauts wird die Ernte eingefahren und die Scheune gefüllt. Das Giftgras mag sich noch so gut verstecken und unter den Weizen mischen, das Reich Gottes wird es nicht aufhalten können. Deshalb ist auch eine vorschnelle Unkrautbekämpfung nicht sinnvoll.

„Sollen wir gehen und es ausreißen?“,

hatten die Knechte im Gleichnis zunächst vorgeschlagen. Aber das will der Gutsbesitzer nicht. Nichts vom guten Weizen sollte verloren gehen, denn das Unkraut würde ohnehin keinen Bestand haben und der Eifer der Knechte nur den Weizen schädigen.

„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“,

ordnet der Gutsbesitzer an.

Jesus drückt mit diesem Gleichnis seine Sorge um alles aus, was lebt. „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ heißt aber dann auch: Zwietracht und Zank werden uns weiter begleiten und es gibt kaum einen Bereich unseres Lebens, der nicht von diesem Gift in irgendeiner Weise bedroht ist.

Jesus selbst ist an diesem Gift gestorben. Zizania, Zwietracht und Zank, haben ihn ans Kreuz gebracht. Von seinen engsten Anhängern und Freunden verlassen, wurde er aus politischem Kalkül und wegen seiner Botschaft vom Reich Gottes zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Auch wenn es zunächst hochwirksam war, es gab etwas Stärkeres als dieses Gift. Drei Tage nach seinem Begräbnis erwachte Jesus wieder zum Leben. Damit wurde dem Gift seine tödliche und endgültige Wirkung genommen. Das heißt nicht, dass zizania nicht doch noch Schäden anrichtet.

Zwietracht und Zank erschweren unser Zusammenleben und belasten gegenseitiges Vertrauen. Aber das Gleichnis Jesu erzählt von dem, was größer ist. Es geht um den Weizen, der die Scheunen füllt. Das Unkraut wird verbrannt und hat keinen Bestand, wie auch der Tod Jesu keinen Bestand hatte. Was bleibt, ist das Leben, das unvergängliche Leben der Auferstehung, das Jesus Ostern empfangen hat, wie wir Christen glauben.

In diesen Sommertagen steht der Weizen auf den Feldern, viele sind bereits abgeerntet. Sie können daran erinnern, dass alles, was lebt und wächst, irgendwann geerntet wird. Nicht jedes Feld bringt die gleiche Ernte und einige sind durchsetzt von Unkraut. Das Gleichnis Jesu macht Mut.

„Lasst alles wachsen bis zur Ernte.“

Das Unkraut wird vergehen, die Früchte des Lebens bleiben.


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Dieser Beitrag wurde am 28.08.2021 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist Generalvikar des Bistums Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. 2020 übernahm der das Amt des Generalvikars.

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