Morgenandacht, 27.08.2021

von Generalvikar Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Einfach beten

Bernd Deininger ist Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Nürnberg. Er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychoanalyse, so dass seine Klinik den heute 75jährigen noch einmal zu einem Zwei-Jahres-Vertrag überredet hat. Weil Deininger zugleich auch Theologe ist, wird er in einem Interview auf seinen persönlichen Glauben angesprochen:

„Dürfen wir Sie fragen, ob Sie auch beten?“[1]

Seine Antwort hat mich überrascht:

„Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast.“

Einer der führenden Psychotherapeuten Deutschlands nennt ein simples Tischgebet sein häufigstes Gebet.

Deininger meint es ernst. Im weiteren Verlauf des Interviews gibt er zu, dass er sich im Berufsleben bei Diagnosen zuweilen auch geirrt hat – mit der Folge, dass er Patienten nicht richtig behandelt hat und sich ihre Gesundheit daraufhin verschlechterte. Das bedrückt ihn sehr. Vor kurzem hat sich ein Patient, der sein Kollege war und sich ihm anvertraut hatte, das Leben genommen.

Heute weiß Deininger: Er hätte ihn anders behandeln müssen. Jetzt ist es zu spät. Auf die Frage hin, was ihm in solchen Situationen hilft, antwortet der Psychotherapeut:

„Der Glaube. Es macht das Drama nicht ungeschehen, aber er hilft mir einzugestehen, dass ich an Grenzen gestoßen bin – ohne in Schuldgefühle zu versinken.“[2]

Deininger glaubt daran, „dass wir fehlbar und doch von Gott geliebt sind.“[3] Zu seinen Patienten gehören auch katholische und evangelische Geistliche, Pfarrer, Priester und Hauptamtliche, die den Lasten ihrer Arbeit und Verantwortung nicht mehr standhalten konnten.

Manche von ihnen hatten sich durch ein bestimmtes Gottesbild selbst unter Druck gesetzt. Sie glaubten an einen strafenden Gott, der ständig mit ihnen unzufrieden war, weil sie zu wenig gebetet, zu wenig mit anderen geteilt und ständig sündige Gedanken im Kopf hatten.

Bernd Deininger hat aus seiner Überzeugung heraus dann ein ganz anderes Gottesbild entgegengesetzt: Seinen Glauben an einen guten Gott, „der einen nicht straft, nicht verachtet, nicht beschämt, sondern annimmt.“[4] Und er ist überzeugt:

„Nur wenn ich mich selbst schätzen lerne, kann ich auch andere schätzen. Mich stimmt der Glaube, dass mein Dasein Sinn hat, heiter und gelassen.“[5]

Wie findet man zu einem solchen Glauben, der nicht einengt und ängstigt, der aus der Trägheit und Depression heraus zu gelassener Heiterkeit führt? Dem Psychotherapeut Deininger hilft dabei offensichtlich schon das einfache Tischgebet aus seiner Kindheit.

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“

Warum hilft Beten? Ich glaube: Weil es eine Adresse gibt für meine Anliegen, die ich vielleicht sonst nirgends anbringen kann. Ich muss mich nicht selbst auf den Weg machen, sondern kann Gott darum bitten, zu mir zu kommen:

„Komm, Herr Jesus.“

Er ist Gast. Er setzt sich an meinen Tisch, wie ich ihn bereitet habe. Sein Gastgeschenk ist Segen. Es tut gut, Besuch zu haben, der ein Segen ist. Auch wenn die Wohnung nicht aufgeräumt ist und der Tisch nicht gedeckt. Das kommt vor. Vielleicht liegt es an einer Krankheit, vielleicht fehlen Kraft und Motivation. Auch hier hilft das Gebet. „…segne, was du uns bescheret hast.“ Jesus bringt mit, was fehlt. „…was du uns bescheret hast.“

Ohne Vorwurf, ohne Anklage, aber mit Segen. Ein solcher Gast schenkt Gelassenheit, weil ich nichts verstecken muss und das kann auch in belastenden Situationen heiter stimmen. Es mag ein simples Tischgebet sein. Aber ein erfahrener Psychotherapeut lebt davon und kann daraus Kraft schöpfen - vor allem, wenn er Fehler macht. Beten hilft – auch wenn es nur ein Satz ist.

„Komm, Herr Jesus.“


[1] ZEIT Nr.14, vom 31.3.2021, Seite 66.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.


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Dieser Beitrag wurde am 27.08.2021 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist Generalvikar des Bistums Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. 2020 übernahm der das Amt des Generalvikars.

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