Morgenandacht, 25.08.2021

von Generalvikar Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Anfangen in Ruinen

Der Papst in Ruinen: Im März dieses Jahres feierte Papst Franziskus im irakischen Mossul neben den Ruinen zerstörter Kirchen Gottesdienst. Er will die kleine Christengemeinde im Irak unterstützen. Von den heute rund 41 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern gehört nicht einmal mehr eine halbe Million Menschen dem christlichen Glauben an.

Der Papst machte seinen Besuch aber nicht nur ihretwegen. Im Gottesdienst gedachte er „der Abertausenden von Menschen – Muslime, Christen, Jesiden und anderen“, die durch die IS-Herrschaft „gewaltsam vertrieben oder getötet“ wurden.[1]

Neben Mossul besuchte der Papst auch die wohl älteste Stadt der Welt: Ur im Südirak. Dem biblischen Zeugnis nach (Dtn 11,31) ist es die Heimatstadt Abrahams. Er wird gemeinsam von Juden, Christen und Muslimen als Urvater verehrt. Im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, steht geschrieben, wie Gott Abraham in einer Vision erscheint und ihn auffordert:

„Sieh zum Himmel hinauf und zähl die Sterne: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“

(Gen 15,5)

Die Stadt Abrahams ist vor ca. 4000 Jahren gegründet worden. Heute ist sie eine bedeutende archäologische Ausgrabungsstätte. Nur noch eine Art Tempelturm ist von der Stadt erhalten, drum herum Wüstenlandschaft. Inmitten dieser antiken Ruinen hat Franziskus an einem interreligiösen Treffen teilgenommen. Dabei sagte der für die Christen sprechende Papst:

„Wir sehen zum Himmel hinauf. Wenn wir nach tausenden Jahren den gleichen Himmel betrachten, erscheinen dieselben Sterne [wie zur Zeit Abrahams]. Wenn wir […] die Geschwisterlichkeit bewahren wollen, dürfen wir den Himmel nicht aus den Augen verlieren.“[2]

Geschwisterlichkeit ist das friedliche Zusammenleben von Schwestern und Brüdern. Also von Menschen, die sich zwar unterschiedlich entwickeln können, aber einen gemeinsamen Ursprung haben. Dieser Ursprung verbindet Geschwister ihr ganzes Leben lang. Geschwister können sich aber auch streiten. Zuweilen sehr heftig. 

Es geschieht im Bruderkrieg: im Großen der Geschichte und im Kleinen der Familie, etwa wenn Geschwister sich nicht mehr verstehen, aber für die Eltern noch gemeinsam sorgen. Familien in Ruinen. Oft sind die Gräben zwischen den Zerstrittenen so tief, dass sie nicht bereit sind, einander zu verzeihen. Geschwister in Ruinen.

Papst Franziskus stand in Mossul in den Ruinen eines furchtbaren Konfliktes. Sein Weg, Menschen, die Brüder und Schwestern sind, wieder zusammenzuführen, ist der Blick in den Himmel. Wer in den Himmel schaut, ändert die Blickrichtung und schaut nicht mehr nur auf sich und seine Bedürfnisse. Die uralten Gestirne erinnern daran, dass es eine Zeit gegeben hat, in der es keinen Streit, wenigstens keinen zu schlimmen Streit gab. Zerstrittene können sich fragen:

„Wie waren wir damals als Geschwister? Was hat uns damals verbunden? Welche Aufgaben haben wir zusammen gelöst und durch welche Krisen sind wir gegangen?“

Die Erinnerung, der Blick auf die uralten Gestirne des Himmels kann motivieren, die Trümmer vergangener Beziehungen wieder neu zusammenzufügen. Es wird nicht mehr so sein wie früher, vielleicht sogar ganz anders, aber es kann ein Raum entstehen, in dem Geschwister wieder zueinanderfinden. Versöhnung beginnt mit dem Blick in den Himmel. 

Der Papst in Ruinen hat im Krisengebiet Irak den Blick auf diesen Himmel gelenkt, auf das, was Menschen, die Schwestern und Brüder sind, in Vergangenheit und Zukunft verbindet. 

Das macht die Gegenwart nicht gleich friedlich, aber es gibt ihr eine Perspektive: Frieden ist möglich. Ein Frieden, der in Ruinen seinen Anfang nimmt. Ein Frieden, der ausgelöst wird, wenn Menschen gemeinsam auf den Himmel schauen, wie es schon Abraham gemacht hat. Vor 4000 Jahren.


[1] Deus Lo Vult aktuell“, Deutsche Statthalterei vom Heiligen Grab zu Jerusalem, Nr. 1/2021, 10f.

[2] Ebd. 12; vergl. auch: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-03/papst-franziskus-irak-ansprache-wortlaut-ur-interreligioes.html

 


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Dieser Beitrag wurde am 25.08.2021 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist Generalvikar des Bistums Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. 2020 übernahm der das Amt des Generalvikars.

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