Morgenandacht, 07.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Aufrichtig ist besser als richtig

Die biblischen Erzählungen, in denen ein Vater und seine zwei Söhne im Mittelpunkt stehen, haben es in sich. Und immer hat ein Sohn sofort meine Sympathie. Auch in der Erzählung von den beiden ungleichen Söhnen.

Da bittet ein Vater seine beiden Söhne im Weinberg zu arbeiten. (Mt 21,28ff) Beide sind alles andere als begeistert. Trotzdem sagt der eine Sohn: Ja, ich gehe und arbeite für dich! Er weiß: diese Antwort wird erwartet. Wenn ich Ja sage, gibt Vater Ruhe. Aber, der Sohn hat keine Lust und geht nicht.

Sein Bruder ist anders: Nein, ich will nicht! So seine aufrichtige und unbequeme Antwort. Der Vater wird entsprechend reagiert haben …Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Denn dem zweiten Sohn tut es später leid. Und so geht er schließlich doch in den Weinberg und arbeitet.

So verschieden sind die Menschen. Und um solche Menschen geht es dem Jesuiten Paul Coutuinho in seinem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“. Da habe ich gelesen: „Es ist besser, aufrichtig zu sein und später zu erkennen, ich bin auf dem falschen Weg, als auf dem richtigen Weg zu sein, dabei aber unehrlich sich selbst und anderen gegenüber.“ (34)

Für den Jesuiten und geistlichen Lehrer zeigt sich das immer wieder im Alltag - und nicht nur in biblischen Erzählungen. Es ist für ihn aber auch eine tiefe Wahrheit im geistlichen Leben. In der Beziehung zu Gott ist es besser, aufrichtig und ehrlich zu entscheiden als richtig, jedoch unehrlich. Damit meint er: Wenn ich immer nur das mache, was andere von mir erwarten, werde ich unglücklich oder verstecke mich womöglich zeitlebens hinter einer Fassade. Ich richte mich in religiösen Riten ein, ohne jemals mit dem Eigentlichen in Berührung zu kommen. Dann lieber eine aufrichtige Entscheidung aus vollem Herzen treffen, selbst wenn es die falsche ist.

In seinem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“, zitiert Paul Coutinho Jesus: „Es ist kein Wunder, dass die Zöllner und andere Sünder in Gottes Reich stürmen, während die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Frommen ihrer Zeit also, es nicht taten oder zumindest nicht in der ersten Reihe standen.“ (Vgl. Mt 21,31b) (38) Und der Jesuit bemerkt etwas spitz: „Nur weil unsere Kinder zur Kirche gehen, bedeutet es nicht, dass sie eine Beziehung zu Gott haben und in der Liebe wachsen.“ (38)

Aber genau darauf kommt es an: In der Liebe zu Gott und den Menschen zu wachsen. Und das geht durchaus auch auf Umwegen. Gott wartet. Er möchte, dass wir ihm begegnen, dass wir umkehren. Wie oft spricht Jesus von Umkehr?

Umkehr kann auch bedeuten, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein. Wie schwierig das aber ist, erlebt der Jesuit immer wieder: „Wann immer ich Ordensfrauen und Priestern in Indien Einkehrtage gegeben habe, lasse ich sie noch einmal innerlich durch die Phase ihres Ordenseintrittes gehen, um herauszufinden, ob Gott sie überhaupt wollte. Es ist dann meist verstörend und angsteinflößend für sie. Hier sind sie: 50 oder 60 Jahre alt, und einige dieser Priester und Ordensfrauen geben zu: Nein, Gott hat mich nicht wirklich gerufen! Und das sagen sie nicht, weil sie schlechte Ordensfrauen oder Priester sind, nein, sie sind gut. Und: Sie sind aufrichtig!

Und dann sind da andere, die einfach denken: Gott wollte mich, weil ich nicht wusste, was ich hätte tun sollen, wenn er mich nicht gewollt hätte. Und die meisten aus der Gruppe haben Angst davor, mehr herauszufinden. Eine alte Schwester hat mir einmal gesagt: Bitten sie mich nicht noch einmal, über meine Berufung nachzudenken. Ich bin zu alt, um Arbeit zu finden und ich würde mich schämen zu betteln. Lassen sie mich als Schwester sterben.“ (38)

So sind Menschen. Sie treffen eine Entscheidung und gehen dann ihren Weg. Aber nicht alle werden glücklich. Manche versuchen, das Beste aus ihrer Entscheidung zu machen. Sie ziehen sich mehr oder weniger ich sich zurück, erhalten aber eine Fassade aufrecht, die zeigen soll: Es ist alles in Ordnung.

Bei Coutinho heißt es: „Es ist besser, aufrichtig zu sein und später zu erkennen, ich bin auf dem falschen Weg, als auf dem richtigen Weg zu sein, dabei aber unehrlich sich selbst und anderen gegenüber.“ (34)

Es gibt Menschen, die leben viele Jahre im falschen Leben, sie bleiben aus lauter falschen Gründen - im Kloster oder in einer Beziehung. Umkehr ist nicht einfach. Doch Umkehr ist der Weg zum Leben, der Weg zu Gott.



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Dieser Beitrag wurde am 07.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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