Morgenandacht, 26.08.2021

von Generalvikar Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Kinderzimmer

Sie war eine große Mathematikerin: Sofja Kovalevskaja. Sie lebte im 19. Jahrhundert, also in einer Zeit, in der Frauen kaum Zugang zu einer akademischen Ausbildung hatten. Ein sehr ungewöhnlicher Umstand führte dazu, dass sie die erste Mathematikprofessorin der Universität Stockholm wurde. Zuhause war die Tapete ausgegangen! 

In ihrer Kindheit wurde das Haus, in dem Sofja wohnte, renoviert, und das Kinderzimmer der damals Achtjährigen sollte tapeziert werden. Aber die Tapete reichte nicht aus. Deshalb wurden die Wände mit Papier beklebt. Aber nicht mit irgendeinem Papier. Sofjas Vater hatte als junger Mann Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung gehört und fleißig mitgeschrieben.

Das Skript ist alt und niemand braucht es mehr. Aber es ist aus Papier, das war damals mehr als heute teuer, und mit diesem Papier wird das Kinderzimmer der kleinen Sofja tapeziert.

Schön ist das sicher nicht, aber Sofja beschwert sich nicht. Im Gegenteil:  Sie ist begeistert. Stundenlang steht sie an der Wand und studiert die hingekritzelten Zahlen und mathematischen Formeln. Schnell wird ihr Interesse entdeckt und gefördert und so entwickelt sie sich zu einer bedeutenden Mathematikerin. Und das alles, weil die Tapete ausgegangen war. 

Ich denke zurück an mein eigenes Kinderzimmer. Mit fünf Geschwistern hatte ich keines für mich allein und an die Tapete kann ich mich kaum erinnern, aber an ein Bild, das an der Wand hing: Jesus besucht die Schwestern Maria und Marta aus Betanien. In der Bibel, im Neuen Testament, wird davon erzählt.

Im Nazarener Stil gemalt, ist Marta auf dem Bild eher am Rand dargestellt. Sehr geschäftig und ernst geht sie ihrem Haushalt nach. In der Mitte des Bildes sitzen Jesus und Maria sich gegenüber. Sie schauen sich an wie Verliebte. Für mich damals ein schönes Bild. Es hat sich mir bis heute eingeprägt.

Vor allem der freundliche Gesichtsausdruck Jesu und die Herzlichkeit Marias haben mir signalisiert, dass der Glaube an Jesus Christus offensichtlich etwas Schönes sein muss. Und auch das Gebet. Denn Beten, so wusste ich damals schon, ist ja Sprechen mit Jesus.

Maria auf dem Bild in meinem Kinderzimmer hat sehr gerne mit Jesus gesprochen. Außerdem ist Jesus zu Besuch. Das bedeutete darum für mich schon damals: Jesus lässt sich also nicht nur in der Kirche finden, die mir durch die Gottesdienste in meiner Kindheit eher als unnahbar und langweilig in Erinnerung war, sondern auch Zuhause. Gott Zuhause, das war für mich ein guter Gedanke, der durch dieses Bild geprägt war.

Einige werden sich vielleicht auch an Schutzengel-Darstellungen erinnern, die zeigen, wie ein schwebender Engel ein kleines Kind vor dem Fallen bewahrt, gemalt meist in Pastellfarben, etwas lieblich und für manchen Geschmack kitschig. Aber es sind Bilder, die das eigene Gottesbild lebenslang prägen können.

Ich kann mich an ein Kreuz aus meiner Kindheit erinnern. Es hing im Kinderzimmer. Es zeigt Christus nicht als Leidenden, sondern als sehr Lebendigen. Er hängt nicht, er steht vielmehr am Kreuz. Seine Augen sind weit geöffnet, er ist hellwach und von Verzweiflung und Schmerz keine Spur.

Ich wusste als Kind nicht, dass es sich um eine romanische Kreuzdarstellung handelt, für die diese Art typisch ist. Aber ich ahnte: Der Gekreuzigte konnte mit dem Tod und allem, was dazugehört, offenbar gut umgehen.

Dieses Kreuz aus meiner Kindheit ist verloren gegangen. Aber ich habe mir vor Jahren ein ähnliches gekauft. Es hängt in meiner Wohnung an der Wand. Wenn ich es anschaue, erinnere ich mich an meine kindliche Gewissheit, dass der Gekreuzigte mit allem, was schmerzhaft, schwierig und unverständlich ist, irgendwie gut umgehen kann. Diese Gewissheit ist mir geblieben. Bis heute. Warum? Weil jemand dieses Kreuz an die Wand gehängt hat in meinem Kinderzimmer.


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Dieser Beitrag wurde am 26.08.2021 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist Generalvikar des Bistums Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. 2020 übernahm der das Amt des Generalvikars.

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