Gottesdienst am 22. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Matthäus in Altena

 

 

Predigt von Pastor Johannes Broxtermann

Man sieht nur mit dem Herzen gut- das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!

Wie oft habe ich diese Stelle aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupery früher in Poesiealben geschrieben! Unter den großen Zitaten für alle möglichen Fälle war das eines der bekanntesten. Der französische Dichter hat ja recht: Man kann nur dann einer Sache und erst recht einem Menschen gerecht werden, wenn man mit dem Herzen ganz dabei ist, wenn man gut mit dem Herzen sieht. Darauf kommt es auch im heutigen Evangelium an – mit ganzem Herzen dabei sein!

Im Glauben, in der religiösen Praxis ebenso wie im menschlichen Miteinander: Immer kommt es auf das Herz an. Äußere Formen und Bräuche helfen nicht viel und taugen wenig, wenn nicht das Herz bei der Sache ist. Jesus wird im Evangelium richtig heftig, wenn er dieses Verhalten sieht und hört – er zitiert den Propheten Jesaja:

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir!“

Diese rein äußerlichen Lippenbekenntnisse müssen Jesus wohl gewaltig aufgeregt haben! Ja, was soll das taugen, wenn man nur auf äußere Formen achtet – und das Herz dabei meilenweit entfernt ist!

Dass man mit viel Eifer in äußeren Formen erstarren kann, ist nicht nur eine Gefahr bei den Juden von damals, etwa bei den Pharisäern – es ist auch eine sehr katholische Gefahr. Auch in der uns vertrauten Tradition drohte vieles zur gedankenlosen und „herz-losen“ Routine zu werden. Das Äußerliche über-wucherte das Innere. In meiner eigenen Kindheit habe ich - bei meinem Kommunionsunterricht – noch gehört, dass die „eucharistische Nüchternheit“ von drei Stunden (also vor der Kommunion nichts essen und trinken) streng einzuhalten sei.

Schon eine Schneeflocke, die man auf dem Weg zur Kirche versehentlich in den Mund lasse, verhindere eine würdige Kommunion… So war das damals. Man ging oft zur Beichte und kehrte doch nicht um. Man sprach mit dem Mund Gebete mit und war mit dem Herzen ganz woanders. Man aß freitags kein Fleisch und wusste kaum, warum nicht…

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“

Dieses Wort Jesu ist wie ein Spiegel, in dem wir uns selber – durchaus kritisch – betrachten können… 

Mit dem jetzt oft genannten Wort HERZ ist natürlich nicht das Herz der Kardiologen und Bypassoperationen gemeint. Herz – im Sinne der Bibel – ist der Sitz der Vitalität und Leidenschaft eines Menschen – der Sitz seiner Lebendigkeit. Hier entstehen unsere Absichten und Pläne. Das Herz ist die Quelle guter wie böser Gedanken. Aus den Kräften des Herzens kann eine Mutter Teresa entstehen, aber auch ein Adolf Hitler! 

Deshalb warnt Jesus vor den Abgründen des Herzens, vor diesem Riesenpanorama böser Haltungen, vom Hass bis zum Hochmut. Zum Himmel schreiende Sünden, Todsünden, so nannten alte Zeiten diese Verhaltensweisen. Hinter vielen Streitereien stecken Neid und Unvernunft. Habgier und Geltungssucht beeinflussen unser Denken und Tun. Wer von Hinterlist und Eifersucht gepackt ist, dessen Herz kann nicht gut sehen. Mit solchen Einstellungen kann nichts gut gehen. Wenn es im Herzen eines Menschen nicht stimmt, dann kommt das ganze Leben in eine Schieflage.

Lassen wir die prophetische Kritik Jesu etwas in uns nachklingen: Wo mag unser Herz jetzt sein, da wir die heilige Messe feiern? Kommt uns die Vergebungsbitte am Beginn der Messe vom Herzen, oder sagen wir sie einfach nur so herunter? Fällt uns jemand ein, dem wir selber vergeben können? Ist das jeweilige Evangelium wirklich lebendige Anrede Gottes an uns? Baut der Friedensgruß – in Coronazeiten ohne Händedruck – mit an Brücken, die vielleicht baufällig geworden sind? Wie gesagt: Das Herz ist hoffentlich dabei. Auf das Herz kommt es an. Man sieht nur mit dem Herzen gut…

Liebe Schwestern und Brüder, auch im Glauben gibt es Gewohnheiten. Gute Gewohnheiten sind wie ein Schutz gegen die Trägheit, in der wir sonst stecken bleiben könnten. Gute Gewohnheiten brauchen aber immer so etwas wie „Sauerstoff“, der das Herz neu belebt. Nicht am Äußeren hängen bleiben, sondern in die Tiefe gehen. Nicht einfach loslegen, sondern sich besinnen auf das, was ich eigentlich will. Das Herz zu Gott erheben wollen. Und dabei die Abgründe des eigenen Herzens nicht ausblenden, wo Neid oder Hochmut oder Habgier wie chronische Krankheiten nisten.

Jesus kennt unsere Herzen. Er weiß, was im Menschen steckt.

„Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles“, 

heißt es im 1. Johannesbrief. Doch er durchbohrt mich nicht mit einem Röntgenblick. Er schaut mich an mit dem aufmunternden Blick dessen, der mich in der Tiefe meines Herzens heilen kann: Komm, lass dich für Gottes gute Sache gewinnen! Komm, setze darauf dein Herz! Du wirst nichts verspielen, aber viel gewinnen – ohne Risiken und Neben-wirkungen.

Gleich, in ein paar Minuten, gibt es in der Messfeier einen ganz kurzen, aber wichtigen Dialog zwischen Priester und Gemeinde:

„Erhebet die Herzen!“ –

„Wir haben sie beim Herrn!“

Wenn es so ist, dann ist alles gut und richtig. Die Herzen – beim Herrn! Das ist wie ein Austausch: Ich erzähle von meiner Hölle- von den Abgründen und Ängsten des Herzens-, und Gott erzählt von seinem Himmel, der dann in mir wachsen kann. Dafür lohnt sich wirklich das Kommen…


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Dieser Beitrag wurde am 29.08.2021 gesendet.





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