Wort zum Tage, 21.08.2021

Christina Brath, Berlin

Gesichter der Straße - Seniorin

Wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit stehe ich an der Fußgängerampel gegenüber der U-Bahn. Heute bin ich etwas später dran. Es scheint wieder zu dauern, bis die Ampel grün wird.

Nun ... wieder mal Zeit zum Atem zu holen und die Leute zu betrachten, die auf der anderen Seite stehen.

Da steht die alte Frau mit dem zu großen Rock, einem drübergezogenen faltigen T-Shirt und mit dem Rollator. Eine von vielen.

In unserem Stadtgebiet sind viele alte Leute, es gibt Senioreneinrichtungen, Fahrstühle in den Hochhäusern. Menschen, die schon von Anfang an hier in diesem Gebiet wohnen. Sie steht geduldig da und wartet. Der Rollator ist vollgepackt mit ihren Einkäufen.

Warum ist sie schon so früh unterwegs? Ich denke immer, wenn ich mal in Rente gehe, dann schlafe ich richtig aus, jeden Tag, solange ich will. Dann lese ich Zeitung, trinke meinen Kaffee ... telefoniere ein bisschen, aber sooo früh werde ich nicht losgehen.

Wahrscheinlich werde ich genau zu der Zeit losgehen und einkaufen, wenn ich dann allen im Weg stehe, die eilig von der Arbeit gehetzt kommen oder in der Mittagspause ihren Einkauf erledigen – so geht es mir jetzt schon oft.

Die Dame dort jedenfalls war schon früh wach, wie viele ältere Leute. Was soll sie schon machen, den ganzen Tag in ihrer Hochhauswohnung? In ihrem Rollator sind mehrere Tüten und bunte Stoffbeutel.

Nein, eine Zeitung schaut nicht aus den Einkäufen heraus. Ob die Augen nicht mehr so gut sind? Oder sie kein Interesse mehr hat? Vielleicht reicht aber auch das Waschblatt mit der Werbung, das zweimal die Woche kommt, oder der Fernseher, oder das Radio.

Oder ob sie das alles gar nicht mehr interessiert, was die Welt heute so zu bieten hat, diese Vielfalt und Fülle, diese globalen Nachrichten? Vielleicht hat sie ein Stück Kuchen geholt, weil sie Besuch bekommt.

Das wäre doch schön - Besuch zum Erzählen. Oder der Enkel kommt zum Spielen Oder: Ob sie sehr allein ist, wie viele hier in diesem Hochhausstadtgebiet?

Die Ampel springt auf grün. Im Gehen lächle ich die alte Frau an – und spreche mit Gott, der mitgeht:

Siehst du sie auch Gott, diese eine von den vielen hier?

Wie sie ihren Tag beginnt und lebt?
Geh mit ihr. Geh mit mir. Bleibe bei uns,
bei unseren Sorgen und Freuden.
im ganz normalen Alltag. Behüte uns.

Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 21.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Christina Brath

Christina Brath ist Gemeindereferentin im Erzbistum Berlin. Kontakt: gemeindereferentin@st-dominicus.de www.christina-brath.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche