Wort zum Tage, 19.08.2021

Christina Brath, Berlin

Gesichter der Straße - Flaschensammlerin

Wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit stehe ich an der Fußgängerampel gegenüber der U-Bahn. Und natürlich werde ich das Gefühl nicht los: Es dauert wieder ewig, bis sie umspringt, damit wir gehen können.

Nun ... Zeit zum Atem zu holen und die Leute zu betrachten, die auf der anderen Seite stehen.

Da steht eine gut angezogene, schmächtige, nahezu unauffällige kleine Frau. Sie steht aufrecht und allein. Sie ist so zart, dass man denken könnte, sie kommt bei Regen zwischen den Regentropfen trocken durch.

Sie hat eine große Handtasche dabei. Und: ich habe sie schon öfter gesehen, abends. Ich sage das bewusst, sie ist gut angezogen. Sie gehört zu den vielen Flaschensammlern unserer Stadt.

Sie greifen mit nackten Fingern in die orangefarbenen Müllbehälter der Stadtreinigung und fischen oft zielsicher blitzschnell eine Flasche heraus. Eine Flasche für 25ct.

Ich denke, wieviel muss ich sammeln, um mir ein Brot zu kaufen? In manchen Stadtbezirken und Parks sind die Terrains klar abgesteckt und wehe, da fischt einer im anderen Bezirk.

Da steht sie – auf der anderen Seite, die kleine zierliche Flaschensammlerin. Wenn sie mir nicht abends schon aufgefallen wäre, würde mir das niemals einfallen. Welche zarte Würde sie ausstrahlt. Niemals wäre ich darauf gekommen, dass sie Flaschen sammelt.

Ja, es gibt auf der Straße auch die auffälligeren Flaschensammler mit den schmutzigen Hosen, den riesigen Rucksäcken oder den mit dem Lebensinhalt und Material vollgekramten Einkaufswagen, die leider oft schon von weitem zu riechen sind.

Wir entwürdigend muss es sein, in den Müll zu greifen, wo doch allerhand Unrat drin liegt. Es sind viel mehr geworden im letzten Jahr der Pandemie.
Wieviel mehr Not ist da entstanden hinter den Wohnungstüren.

Und dann die Würde bewahren, wenn das Geld nicht für den Friseur, die Kosmetikerin oder die neue Mode reicht. Das ist eine Kunst.

Die Ampel springt auf Grün und sie schlängelt sich zwischen den Menschen hindurch. Im Gehen rede ich mit Gott:

Siehst du sie auch Gott, diese kleine unauffällige Frau?

Du hast jedem Menschen Würde und Ansehen geschenkt. Du liebst jeden. Geh mit ihr und allen, deren Würde gefährdet ist. Geh mit mir und allen, deren Tag nun beginnt. Bleibe bei uns, im ganz normalen Alltag. Behüte alle.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 19.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Christina Brath

Christina Brath ist Gemeindereferentin im Erzbistum Berlin. Kontakt: gemeindereferentin@st-dominicus.de www.christina-brath.de

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