Wort zum Tage, 18.08.2021

Christina Brath, Berlin

Gesichter der Straße - Busfahrer

Wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit stehe ich an der Fußgängerampel gegenüber der U-Bahn. Und natürlich werde ich das Gefühl nicht los: Es dauert wieder ewig, bis sie umspringt, damit wir gehen können.

Nun ... Zeit zum Atem zu holen und die Leute zu betrachten, die auf der anderen Seite stehen.

Und welche Freude, da drüben steht Mirek. Ich kenne ihn aus der Kirchengemeinde. Er ist Busfahrer. Auch er hat mich entdeckt, wir lächeln uns an.

Bestimmt kommt er von der Nachtschicht. Ich weiß, manchmal haben sie komische Schichten.

Es ist ziemlich anstrengend, zu verschiedenen Zeiten aufzustehen und so verschieden nach Hause zu kommen - manchmal nachts um zwei oder drei. Man denkt ja immer, die sitzen da vorne im Bus, hoch erhaben, gelassen und nichts ficht sie an.

Diese scheinbare Gelassenheit hat ihren Preis. Tiefes Atemholen. Da parkt wieder jemand auf der Busspur - egal ob‘s der Paketdienst, ein Zulieferer oder sonst wer ist,
der es auch nicht einfacher hat, als der Bus und sein Fahrer.

Es gibt Stau ... und natürlich ist der Fahrplan eng getaktet und der Bus kommt zu spät an der Station an. Schon meckern die ersten. Der Bus ist zu voll! Warten Sie! Es kommt doch gleich der nächste.

Manchmal sagt einer Guten Tag, die Touristen fragen nach dem Weg oder:

„Fahren sie da und dorthin?“

Und an der Wendeschleife, wenn Pause ist, sitzt er mit seiner Thermoskanne Kaffee und dem von seiner Frau liebevoll geschmierten Brot und holt tief Luft bevor es weiter geht.

Manchmal gibt‘s einen Schwatz mit den Kollegen, manchmal drängeln schon Fahrgäste:

Können Sie nicht schon aufmachen?“

Klar gibt’s auch die, die rumpöbeln oder nicht bezahlen, die im Doppeldecker oben die Füße auf den Sitz legen. Klar sieht er das, klar sagt er höflich:

„Bitte.“

Gefühlt 838 x am Tag...

Und dann die lauten Telefonierer, mit ihren Familiengeschichten ...

Es ist bewundernswert, wieviele Menschen in der Nacht dafür gesorgt haben, dass die Stadt funktioniert, dass ich in Ruhe schlafen konnte – auch die Busfahrer.

Ich weiß, dass er sich jetzt müde und vielleicht ein bisschen genervt nach Haus schleicht. Doch er lächelt.

Die Ampel springt auf grün - wir begrüßen uns, berühren uns zart mir den geschlossenen Fingerfäusten. Ich wünsche ihm einen guten Schlaf - und spreche im Gehen mit Gott:

Siehst du ihn auch, Gott, diesen Mann nach der Nachtschicht?

Und die anderen die heute Nacht für mich und unsere Stadt gearbeitet haben?
Ich sage ihnen Danke. Geh mit ihm. Schenke Ruhe.
Geh mit mir und allen, deren Tag nun beginnt. Bleibe bei uns, im ganz normalen Alltag. Behüte uns.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 18.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Christina Brath

Christina Brath ist Gemeindereferentin im Erzbistum Berlin. Kontakt: gemeindereferentin@st-dominicus.de www.christina-brath.de

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