Morgenandacht, 06.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Verzicht und Demut

Verzichten in den Wochen vor Ostern, das ist für mich Jahr für Jahr eine echte Herausforderung. Doch ich möchte sie nicht missen. Dafür genieße ich viel zu gern:
Etwa ein leckeres Stück dunkle Schokolade oder ein Glas Wein.

Verzichten und genießen, das gehört für mich zusammen. Und zwar nicht nur, wenn meine Geschmacksnerven gefragt sind. Verzicht ist auch ein zentraler Begriff im geistlichen Leben. Ebenso Demut. Zwei beängstigende Worte in unserer modernen Zeit. Beide negativ belastet, klingen sie irgendwie nach grauem Alltag, nach Selbstkasteiung.

Der Jesuit Paul Coutinho versteht diese Begriffe positiv. In seinem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“ schreibt er: „Demut und Verzicht geben uns Freiheit, Personen, Orte und Dinge um ihrer selbst Willen zu lieben – nicht nur für das, was sie uns geben. Wir wachsen als Menschen, indem wir uns darin üben, unsere egoistischen Interessen loszuwerden. Durch diesen Prozess, in dem wir uns und unsere Interessen lassen, nehmen wir die Haltung Gottes an, der nicht bei sich bleibt, sondern in der ganzen Schöpfung gegenwärtig ist, präsent und verfügbar für alle. Für jemanden, der demütig ist, wird es leicht, Gott in allen Dingen zu begegnen und zu erfahren.“ (52)

Demütig heißt für den Jesuiten aber nicht, sich klein zu machen. Es heißt, sich nicht größer zu machen als man ist. Zu leben in der Gewissheit: da ist ein Gott, der viel größer ist als ich. Und dieser Gott ist mitten in der Welt zu finden. Coutinho begründet es so: Ich werde hier erinnert an einen der buddhistischen Wege die christliche Dreifaltigkeit zu erklären. Der Vater kreierte die Welt, indem er seine Göttlichkeit in die ganze Schöpfung hineingab, sich entleerte. Der Sohn erlöste die Welt durch Selbstauslöschung, oder Selbst-Leerung, und durch das Ausgießen des Heiligen Geistes ist die Welt geweiht. Der Zweck allen Lebens ist nun, Teil dieser selbstentleerenden Dynamik zu werden, um so eins zu werden mit der göttlichen Dreifaltigkeit. Das ist alles, worum es bei Demut und Verzicht geht.“ (53)

Für Paul Coutinho ist ein Gedanke wichtig: „Demut und Verzicht sind nicht dazu bestimmt, uns miserabel zu stimmen; sie sind dazu bestimmt, uns glücklich und frei zu machen. Sie helfen uns, pures Genießen zu suchen. Sie helfen uns Glückseligkeit zu erfahren, Glück, und Zufriedenheit ohne Egoismus. Sie haben nichts damit zu tun, masochistisch zu sein oder sich selbst zu bestrafen. Es geht darum, die Macht, die wir alle in uns haben, zu nutzen, um den Weg frei zu machen, damit wir unser Leben in Fülle genießen können. Sie helfen uns, den Dingen aus dem Weg zu gehen, die uns ins Stolpern bringen, die uns behindern, uns eine Last sind und uns einengen.“ (53f)

Verzicht dient also dem Leben, meinem Leben. Verzichten heißt: Gott eine Chance geben. Er, den ich heute im Gesicht eines Armen, eine Leidenden oder eines Flüchtlings erkennen kann, er will mich für sich gewinnen. Und ich? Ich muss nicht haben und festhalten, ich kann leben und geben von dem, was mir gegeben ist. Das ist Leben in Fülle.

Der Jesuit stellt in seinem Buch klar: Eine Person, die demütig ist und verzichtet, „…braucht keine stundenlangen Gebete, um sich mit Gott zu vereinen. Sei misstrauisch, wenn wir uns dabei erwischen, zu viel Zeit in Gebete zu investieren, denn bald werden wir nach guten Gefühlen suchen, anstatt nach der Quelle alles Guten – nach Gott.

Sicher werden die, die viele Stunden beten, sich selbst finden, aber nicht unbedingt Gott. Möglicherweise aber wird ihr spiritueller Hochmut die Art und Weise verändern, wie sie sich gegenüber Gott und dem Rest der Welt verhalten. …Ohne Demut und Verzicht werden wir leicht zu einem Hindernis und einem Stolperstein für das Zusammenleben und die Harmonie in der Welt und in den Gruppen, zu denen wir gehören“ (54)

Es klingt unglaublich: Aber Menschen, die verzichten und sich nicht größer machen als sie sind, werden durchlässig für Gott. Und trotzdem bleiben sie ganz sie selbst. Schauen Sie sich doch mal in Ihrem Leben um.


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Dieser Beitrag wurde am 06.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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