Wort zum Tage, 17.08.2021

Christina Brath, Berlin

Gesichter der Straße - Der Eilige

Wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit stehe ich an der Fußgängerampel gegenüber der U-Bahn. Und natürlich werde ich das Gefühl nicht los: Es dauert wieder ewig, bis sie umspringt, damit wir gehen können.

Nun ... Zeit zum Atem zu holen und die Leute zu betrachten, die heute neben mir stehen. Ganz unauffällig schaue ich ihn an, den jungen Mann mit dem kultigen Rucksack auf seinem Sportfahrrad.

Die Zehenspitzen berühren flüchtig den Boden und geben ihm Halt im Warten, eine Hand am Lenker wirkt schon zappelig, dass es gleich weiter gehen könnte, mit der anderen Hand die Chance zum Griff für einen Blick auf das Smartphone.

Manchmal zapple ich ja auch so, wenn es nicht weitergeht und würde am liebsten bei Rot rüber gehen, wenn kein Auto kommt und wenn kein Kind oder Jugendlicher da steht, dem ich Vorbild sein müsste.

Was mag er da checken, der Radfahrer mit dem Anzug neben mir?
Seine Mails, die Wetterlage, das Weltgeschehen, die Verkehrslage,
ein paar Messanger-Nachrichten?

Was ist so wichtig, dass es nicht warten könnte bis Ruhe und Zeit ist?
Oder ist diese Ampelphase Zeit genug?

Mir geht’s ja oft genauso ... alles muss schnell und nebenbei gehen und man sagt uns Frauen ja nach, dass wir eh vieles auf einmal können. Bügeln, Kinder hüten, die Suppe auf dem Herd umrühren, den Gelee auf die Torte gießen und ganz nebenbei den Streit der Kinder durch Blicke und Schweigen schlichten sowie mit der Freundin telefonieren.

Nur an der Ampel ... da werde ich ungeduldig, weil da scheinbar nichts aber auch gar nichts passiert. Ich schaue auf den eiligen jungen Mann und sein Handy.

Wie viel Zeit zum Leben bleibt ihm?
Was muss er noch alles schaffen und bewegen?
Wie viel bleibt mir?
Ich habe gerade meinen Pfarrer zu Grabe getragen ... zu früh ...
war sein Leben erfüllt? Ausgefüllt?
Gab es hier nichts mehr zu tun, dass du ihn gerufen hast?

Die Ampel springt auf grün: Der Radfahrer startet passgenau, das Handy fahrend im Rucksackträger verstauend, derweil ich ihm nachblicke und losgehe.

Im Gehen rede ich mit Gott, dem Mitgehenden:

Siehst du den jungen Mann? Seine Eile und Schnelligkeit?

Was hast du alles vor mit ihm? Was hast du alles vor mit jedem einzelnen Menschen von uns? 

Und wann ist die Zeit erfüllt, dass du uns rufst?
Schenke mir Gelassenheit jeden Tag in Freude zu leben.
Schenke mir Dankbarkeit für alles, was du mit mir vorhast.
Geh heute mit mir und mit all deinen Menschen.
Behüte uns.
Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Christina Brath

Christina Brath ist Gemeindereferentin im Erzbistum Berlin. Kontakt: gemeindereferentin@st-dominicus.de www.christina-brath.de

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