Morgenandacht, 05.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Klammern: eine Hürde für die Liebe

„Vorsicht Buch“, das war auf der Papiertüte zu lesen, die ich bei meinem letzten Einkauf beim Buchhändler bekommen habe. In der Tüte: ein völlig harmloses Buch. Doch die Papiertüte mit der Warnung „Vorsicht Buch“ ist die ideale Verpackung für Bücher, die es in sich haben. Wie etwa das mit dem harmlosen Titel „Just as you are“, „So wie du bist“. Es ist bisher leider nur in englischer Sprache erschienen. Wer die gut 150 Seiten von dem indischen Jesuiten Paul Coutinho liest, kommt aus dem Stauen nicht mehr raus.

Sein Buch ist für mich so etwas wie ein großes Stoppschild: „Stopp – halt dein Hamsterrad des geistlichen Lebens endlich an, damit du Gott nicht verpasst!“ Weil das aber irritiert, wäre die Warnung „Vorsicht Buch“ durchaus angebracht.

Paul Coutinho erzählt wunderbare Geschichten, immer herausfordernd und irgendwie in einem anderen Licht. Ein Beispiel: „Ich war einmal auf einer Tagung in einem Kloster, und eine der älteren Schwestern erzählte mir, dass es ihr Lebensziel sei, sich an Gott zu klammern. Ich sagte ihr: ´Du lässt Gott besser los, sonst erwürgst du ihn noch!´ Unser Klammern an Gott wird uns daran hindern zu wachsen oder uns auch nur mit Gott zu verknüpfen. Wenn wir so eng an Gott hängen, können wir ihn nicht als Gott sehen. Wir sehen noch nicht mal uns selbst in dieser Beziehung. Es ist ein Klammern, das Gott, uns und unsere Beziehung zu ihm zerstört. Je mehr wir uns an eine Handvoll Sand klammern, umso mehr gleitet er uns aus den Fingern. Der einzige Weg, den Sand zu halten, ist ihn zu lassen. Wir können ihm dann zusehen, es genießen, und er wird immer dort bleiben. Sobald wir unsere Faust verkrampfen, um den Sand zu besitzen, verlieren wir ihn. So ist das auch mit all unseren Beziehungen. Es ist dasselbe mit Gott.“ (50f)

Coutinho schreibt in seinem Buch leider nicht, wie die Ordensfrau auf seine Antwort reagiert hat. Ob sie beim nächsten Strandspaziergang Sand in die Hand genommen hat? Oder hat sie dem Sand zugeschaut, wie er vom Wasser sanft bewegt wird?... Da hört eine Ordensfrau, die sich in einer ganz engen Gottesbeziehung sieht, plötzlich von einem geistlichen Lehrer: So erwürgst du Gott. Lass ihn los. Das ist besser für ihn und für dich. Du klammerst ja nur. Das ist keine Beziehung und schon gar keine Liebe.

Paul Coutinho begründet das so: Bindungen verklären unsere Sicht auf das wirkliche Leben und wir sehen die Realität verfälscht. Grund dafür ist das, was wir denken, was wir wollen oder brauchen. … Unsere Sicht ist auch fehlerhaft, wenn wir uns mit Menschen und Dingen verknüpfen, weil wir sie für uns nützlich machen wollen, anstatt sie zu lieben um zu lieben.

Wenn wir Bindungen formen, werden wir Besitz ergreifend, neidisch und missgünstig. Und wir neigen dazu unseren inneren Frieden und unsere Ruhe zu verlieren. Wir sehen die Dinge nicht so wie sie sind, sondern wie wir sind.“ (49f)

Bindungen binden. Vor allem den, der sie formt und pflegt. Menschen hängen sich an Orte, an Dinge oder andere Menschen. Sie klammern, weil sie für sich noch etwas erwarten. Sie klammern, so sagt es der indische Jesuit, weil sie das, worum es geht, nicht vollständig genossen haben.

Wenn du etwas vollständig genossen hast, willst du, dass andere Menschen es auch haben, du willst es teilen. Wenn das, was du voll und ganz genossen hast, weggenommen wird, sagst du: Ich habe es genossen. Ich bin dankbar für die Freude, die es mir geschenkt hat. Und ich hoffe, dass derjenige, der es nun hat, es ebenso genießen wird. Und so lässt du es gehen. … Du sagst zärtlich: Auf Wiedersehen! Du wirst den Verlust spüren, aber du wirst dich selbst nicht verlieren.“ (50)

Paul Coutinho ist überzeugt davon: „Wir können nur lieben, wenn wir nicht klammern.“ (50)

Nur so sind wir Menschen frei für die Erfahrung der Gegenwart, der Kraft und das Wesen des Göttlichen in jeder Kreatur. Coutinho beschreibt es so:

Sobald wir unsere Faust verkrampfen, um den Sand zu besitzen, verlieren wir ihn. So ist das auch mit all unseren Beziehungen. Und so ist es auch mit Gott.“ (51)


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Dieser Beitrag wurde am 05.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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