Am Sonntagmorgen, 08.08.2021

von Schwester Aurelia Spendel OP, Augsburg

Wir müssen reden! Zum 800. Todestag des Ordensgründers Dominikus

Vor 800 Jahren verstarb der Heilige Dominikus - Gründer des Dominikanerordens. Dominikus kam, als die Kirche in einer Krise war. Er suchte neue, authentische Wege der Pastoral. Und fand sie.

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Als im August 1233 neun Ordensbrüder des noch jungen Predigerordens unter Eid vor den päpstlichen Delegaten aussagten, war allen klar: Hier wurde vor der höchsten Kirchenautorität etwas ganz Besonderes verhandelt.

Es ging um nichts Geringeres als um die Heiligsprechung seines erst 12 Jahre zuvor gestorbenen Gründers Dominikus von Caleruega.

Wenn die katholische Kirche einen Menschen heiligspricht, stellt sie damit fest, dass ein Christ, eine Christin ein unwiderruflich gelungenes Leben vor Gott geführt hat – ein Vorgang mit Ewigkeitswert.

Die „Hunde des Herrn“

Der Predigerorden ist besser bekannt unter dem Namen „Dominikanerorden“. Er greift den Gründernamen auf und weckt bis heute unterschiedliche Assoziationen. Die „domini canes“, die Hunde des Herrn, klingen an als Spitzname für besonders wachsame – und manchmal allzu wachsame – Kirchenmänner und leider auch schlimme Inquisitoren.

Da sind die Erinnerungen an begeisternde Volksprediger, an tiefgläubige Mystiker wie Meister Eckhard, an Missionare und Menschenrechtler wie Bartolomé de Las Casas, die in den entlegensten Weltgegenden Menschen für Christus gewannen.

Es gibt das Vermächtnis einer Dominikanerin, Caterina von Siena, dass es möglich ist, die Kirche in Zeiten von Verirrungen und Zerwürfnissen wieder ins rechte Lot zu bringen. 

Die Schwestern und Brüder des Dominikus waren und sind davon überzeugt: Wir müssen reden – mit Gott und von Gott, der da ist im Herzen jedes Menschen. Wir müssen unsere Stimme erheben gegen alle Arten von Sklaverei und für die Freiheit des Denkens und Glaubens. Wir müssen in den Dialog treten mit jenen, die wie wir mit dem göttlichen Feuer kommunizieren, das uns begeistert seit 800 Jahren.

Der junge Dominikus

Im 12. Jahrhundert in Caleruega in Altkastilien geboren, studiert Dominikus die Freien Künste und Theologie, um Priester zu werden. 1196 wird er als junger Kleriker an die Kathedralkirche von Osma berufen, vor allem der Feier der Liturgie und dem Gebet verpflichtet, ein stilles Leben.

Sieben Jahre später hat es ein Ende mit der Beschaulichkeit des Kanonikerdaseins; 1203 beginnt Dominikus, seinen Bischof Diego auf Reisen zu begleiten und entdeckt dabei seine Begabung und Leidenschaft für die Verkündigung des Evangeliums in fremden Kontexten, bei Menschen mit nicht religiösen Vorstellungen und Überzeugungen.

Diese Menschen stellen merkwürdige und gefährliche Fragen. Sie wollen wissen, was genau es mit dem Glauben der Christinnen und Christen auf sich hat. Sie üben Kritik am Reichtum der Klöster und wollen ehrlicher leben, als mittelmäßige Prälaten es ihnen vorleben.

Gott mit Herz und Verstand finden 

Dominikus spürt, dass er anders reden und anders auftreten muss, als es die Vertreter der Kirche taten, um gehört zu werden und um glaubwürdig zu sein. Das will er und das probiert er.

Deshalb heißt seine Predigt nicht: Glaube blind, was die Kirche dir zu glauben vorgibt, gehe wie alle und wie gewohnt fleißig zu den Sakramenten, führe ein gesellschaftlich und kirchlich unangreifbares Leben.

Nein, seine Predigt heißt: Benutze deinen Verstand, um Gott zu suchen, höre auf dein Herz, um ihn zu finden; lebe nicht für dich und vor dich hin. Sei ein Mensch mit wachen Augen und lerne, auf die Botschaft des Jesus von Nazareth zu vertrauen. Dieser Jesus selbst ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. So wirst du ganz und gar lebendig.

Leben wie Jesus

Nicht nur mit seiner Predigt überzeugt Dominikus in dieser Zeit. Er lebt als armer Wanderprediger, anspruchslos, diszipliniert und im Einklang mit dem Wort des Evangeliums.

1215 gründet er in Toulouse als ersten Orden, der sich die Lebensweise der Apostel Jesu zum Vorbild nahm, die Gemeinschaft der Predigerbrüder. In der Bestätigungsurkunde, die ihm sein Bischof ausstellt, heißt es:

„Wir setzen in unserer Diözese Bruder Dominikus und seine Gefährten als Prediger ein, die in evangelischer Armut gemäß ihrer Ordensregel zu Fuß gehen und das Wort der evangelischen Wahrheit verkünden.“[1]

So ist Dominikus ständig unterwegs, quer durch Europa und das zu Fuß. Er kämpft mit einer Unzahl von Problemen und Herausforderungen, reibt sich auf in seiner Arbeit und wird nicht alt, keine fünfzig Jahre.

Am 6. August 1221 stirbt er in Bologna und wird dort begraben. Aber die kurze Spanne seines dominikanischen Wirkens von 1203 bis 1221 reichte, um bis heute die Erinnerung an ihn und um sein Werk lebendig zu halten rund um die Erde.

Als Reformorden gegründet

1216 wird der Orden der Predigerbrüder päpstlich bestätigt und breitet sich als Reformorden sehr schnell über ganz Europa aus, zunächst in Spanien, Frankreich und Italien, dann in Deutschland, England, Ungarn und Skandinavien.

Reformorden deshalb, weil es nun Ordensmänner gibt, die nicht lebenslang an einem Ort leben wie die Mitglieder monastischen Gemeinschaften, sondern die predigend unterwegs sind, ohne Grundbesitz, die demokratische Strukturen in ihren Gemeinschaften leben, mit dem Herzen verwurzelt in der Kontemplation und hellwach da in den intellektuellen Herausforderungen ihrer Zeit.

Nachdem neun seiner Brüder unter Eid ihr Zeugnis über Dominikus abgelegt haben, spricht ihn Papst Gregor IX. am 3. Juli 1234 heilig. Seitdem ist Dominikus von Caleruega der Heilige Dominikus.

Für Dominikus selber wäre seine Heiligsprechung wohl schwer annehmbar gewesen. Er war kein Mann, der sich hervortat, war weder eitel noch eingebildet auf seine Klugheit und Bildung, oder je darauf bedacht, der Erste und Wichtigste in seiner Gemeinschaft zu sein. Als bald nach seinem Tod seine Verehrung einsetzte, machten die Brüder dem schnell ein Ende.

Erst als die Kirche ein paar Jahre später dringend „Leuchttürme“ brauchte, um mit den südfranzösischen Ketzerbewegungen fertig zu werden, wuchs ihr Interesse an einer Heiligsprechung des Dominikus.

Katharer, Albigenser und Dominikus

Dominikus war schon zu Lebzeiten zur Galionsfigur in der Auseinandersetzung mit Katharern und Albigensern geworden. Sämtliche kirchliche Bemühungen vor Dominikus waren kläglich gescheitert, die unbelehrbaren Abtrünnigen zu re-evangelisieren. Sie gewannen mehr und mehr Menschen für ihre Ideen und ihre Lebensweise.

„Zurück zu den Wurzeln“,

lautet die Devise der Katharer und Albigenser die sich als die „Reinen, Unverdorbenen“ verstehen. Sie orientieren sich an einem dualistischen Gottes-, Schöpfungs- und Menschenbild.

Das Gute ist geistig, die Materie dagegen, auch der Leib des Menschen ist böse. Ein guter Gott kämpft gegen seinen verdorbenen Widerpart, den Satan, als die andere weltbeherrschende Macht.

Folgerichtig ist die Ehe als Ort der Weitergabe des Lebens im Leib und seine Auferstehung nach dem Tod sinnlos. Allein die Taufe mit dem Heiligen Geist hat erlösenden Charakter und verpflichtet zu einem Leben völliger sexueller Enthaltsamkeit, der Buße und der moralischen Anstrengung.

Mit Blick auf die ethischen Einstellungen der Katharer konnte der eine oder andere Kirchenmann noch mitgehen, aber dass die Eucharistiefeier auch von Laien gültig gefeiert und von ihnen das Bußsakrament gespendet werden sollte – das ging zu weit.

Damit wurde das disziplinarische Exklusivrecht der Kirche und ihr wesentlich Hierarchie-begründendes Alleinstellungsmerkmal ausgehöhlt. 1208 gibt die Ermordung eines päpstlichen Gesandten den lang ersehnten Vorwand, kurzen Prozess mit den renitenten Ketzern zu machen und in Südfrankreich einen Kreuzzug zu beginnen.

Kirche in der Krise

Das Konzept des Dominikus war ein anderes: Leben wie die Katharer – radikal fromm, gewaltfrei und bedürfnisarm – aber predigen wie die Kirche.

Für Dominikus hieß das: authentisch in der Lebensführung sein und im Dialog alle Beteiligten und ihre Überzeugungen ernst nehmen. Denn wenn die Macht des Wortes und des Beispiels nicht hilft, helfen auch keine Scheiterhaufen.

Dominikus predigt mit seinen Brüdern in einem Land, das buchstäblich in Flammen steht, die Scheiterhaufen, auf denen Männer, Frauen und Kinder sterben, brennen lichterloh. Eine heruntergekommene Kirche, schlecht ausgebildete Priester, überforderte Bischöfe und verwöhnte päpstliche Prälaten können hier nichts ausrichten. Dazu braucht es Menschen wie Dominikus, die zu Fuß gehen und die reden – von Gott und mit Gott.

Zu Fuß gehen ist in der Geschichte des Dominikus und seines Ordens mehr als eine Art der Fortbewegung. Es zeigt, wie sich Dominikus und sein Orden bis heute selbst verstand und versteht.

Fester Charakter und echte Demut

Während die mit Re-Evangelisierung und Missionierung betrauten päpstlichen Prälaten hoch zu Ross kamen, scheute Dominikus die Berührung mit dem Staub der Straße nicht und suchte geradezu den Blick derjenigen, die verunsichert durch die Zeiten stolperten. Er interessierte sich für die Zweifel und Argumente seiner Dialogpartnerinnen und -partner und setzte sich mit ihnen fraglos an einen Tisch.

Das Hauptmerkmal von Dominikus Temperament war eine große Sensibilität und ein Mitleid mit jeder Art von Leiden. … Da sein Mitleiden aber mit einem festen Charakter und echter Demut gepaart war, wirkte er auf seine Mitmenschen nicht herablassend oder gönnerhaft.“[2]

Dominikus redete gerne mit Menschen, nachdem er zuerst mit Gott über sie gesprochen hatte. Er aß und trank mit den Menschen, mit denen er von Gott redete, durchaus auch einmal in einer Taverne, nahm ihre Gastfreundschaft genauso an, wie er ihre Feindseligkeiten ertrug.

Alle Menschen ansprechen

Als das Zweite Vatikanische Konzil am 7. Dezember 1965 nach langem Ringen die Pastorale Konstitution „Gaudium et Spes“ als sein letztes Dokument verabschiedete, war dieser Text wie ein Echo auf die Art und Weise des Dominikus, Menschen zu begegnen:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“[3]

Mit diesem Dokument sprach das Konzil zum ersten Mal alle Menschen an, gleich welcher Religion oder Konfession, auch jene ohne Religion. Es stellte sich dabei auf die Schultern von Frauen und Männern, die Erfahrung hatten mit Andersdenkenden, Andersglaubenden und Anderslebenden.

Damit war sie willens, wie Dominikus nach neuen Wegen der Pastoral zu suchen und ihre Wurzeln und Visionen der ganzen Menschheit zur Verfügung zu stellen. Es wundert nicht, dass große Theologen aus dem Dominikanerorden wesentlich an diesem Dokument mitgearbeitet haben. 

Mit der Freude und der Hoffnung, der Trauer und der Angst von Menschen kamen die Predigerbrüder an den Toren der Stadt genauso in Berührung wie in den aufstrebenden Universitäten.

Bekannter Dominikaner: Thomas von Aquin

Bereits ein Jahr nach der Bestätigung des Ordens sandte Dominikus seine Brüder an die Hochburgen der Wissenschaft, nach Paris und Bologna, Köln und Oxford.

In territorial und mental offenen Kontexten gewann die Bestimmung des Ordens zur Predigt, zum Studium und zum evangeliumsgemäßen Leben ihr Profil. Als die wohl bekanntesten Vertreter dieser Anfangsphase gelten Albert der Große und Thomas von Aquin.

Dominikus war und bleibt nicht nur für seine Brüder und Schwestern im Orden inspirierendes Vorbild und geistlicher Lehrer. Sein irdisches Leben endete am 6. August 1221.

Dies natalis, Tag der Geburt, wird der Todestag eines Heiligen, einer Heiligen in christlicher Tradition benannt. Denn ein solcher Tod feiert das Leben. Dieser Tag ist Tag der Auferstehung, der Frische und der Freiheit. Die Endlichkeit des Lebens hat ein Ende, seine ewige Seligkeit beginnt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ensemble Cantilena Antiqua – O Lumen Ecclesiae

Alleluja – Grace Newcombe, Marc Lewon, Paul Kieffer

Ensemble Cantilena Antiqua – O Lumen Ecclesiae


[1] Kulturgeschichte der christlichen Orden, hg. v. Peter Dinzelbacher u. James L. Hogg, Stuttgart 1997, S. 118

[2] Dominikus, Gotteserfahrung und Weg in die Welt, hg. v. V. J. Koudelka, Olten 1983, S. 80

[3] GS 1


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Dieser Beitrag wurde am 08.08.2021 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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