Morgenandacht, 04.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Sünde: eine Hürde für die Liebe

„Warum Christ sein“, so heißt ein Bestseller des englischen Dominikanerpaters Timothy Radcliffe. Und der Untertitel bringt Christsein auf den Punkt: „Wie der Glaube unser Leben verändert“. Ein Glaube ohne Folgen für das Hier und Jetzt, was wäre das für ein Glaube? Wäre er mehr als nur ein kläglicher Versuch?

Der indische Jesuit Paul Coutinho würde diese Frage vermutlich mit einem klaren Ja beantworten. Er geht davon aus: Glauben muss Folgen haben. Und: Zum Glauben gehören Fehler und Sünden. Wer glaubt, hat es also immer auch mit seinen Schwächen zu tun.

In seinem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“, nennt der Jesuit ein prominentes Beispiel: den Apostel Paulus. Auf der Straße nach Damaskus wird er von Gott überwältigt. Paulus verändert sich radikal. Er, der als Saulus bisher nur ein Ziel hatte: das Gesetz des Mose zu befolgen, wird plötzlich angetrieben von der Liebe Gottes. Eine Aussage des Paulus ist für Paul Coutinho da besonders wichtig: „Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, strebe ich weiter nach der Berufung, die Gott uns in Christus Jesus geschenkt hat.“ (Phil 3,13f) (43).

Aber Paulus wird nicht aus der Welt herausgenommen. Er bleibt ganz und gar Mensch. Coutinho zitiert den 2. Korintherbrief. Da heißt es: „Damit ich nicht übermütig werde, wurde mir ein Dorn ins Fleisch getrieben, ein Bote des Teufels, um mich zu schlagen und mich so davon abzuhalten überheblich zu werden.“ (43) Und dann schreibt der Jesuit: In dieser Erfahrung entdeckt Paulus seine Wurzelgnade: Aber Gott sagte zu mir: `Meine Gnade reicht dir, sie ist Kraft in der Schwachheit!` Ich will lieber freudig von meinen Schwächen prahlen, damit die Macht Christi in mir bleibt, denn wenn ich schwach bin, bin ich stark. (2 Kor 12,9f) Paulus wurde ausgerechnet seine Schwäche zur Quelle der Erfahrung der Anwesenheit und Macht Gottes in seinem Leben.

Auch wir werden die Tiefe unserer Beziehung zu Gott in unseren Sünden und Schwächen wirklich erfahren. Wenn wir jedoch die Sünde unsere tiefsten Träume und Wünsche trüben lassen, dann glauben wir nur an unsere Sündhaftigkeit und Schwäche anstatt an Gottes Versprechen und seine Liebe. So verstanden ist Sünde ein Hindernis für die Liebe. Wenn wir aber zulassen, in unseren Schwächen, in unserer Sündhaftigkeit Gott zu erfahren, wird dies eine Möglichkeit sein für Gottes Gegenwart in unserem Leben und unsere Erkenntnis des Göttlichen.“ (43f)

Wer es so mit dem Glauben versucht, verändert sein Leben. Plötzlich ist da mehr als nur Sünde und eigene Schwächen, die mich auf Abstand halten zu Gott. Ausgerechnet dort ist Gott zu finden, wo er eigentlich gar nicht hingehört. In meinen Sünden und Schwächen. Aber hat Jesus sich nicht vor allem den Sündern zugewandt? Das hat ihm harsche Kritik der Frommen seiner Zeit eingebracht. Gott ist ein Gott der Sünder. Ein Gott, der liebt. Sein „Ich bin da!“ verändert alles.

Die eigenen Fehler und Schwächen zu sehen und zu ihnen zu stehen, das verändert das Leben. Denn ich erhebe mich nicht mehr über die anderen. Ich bin ihr Bruder, ihre Schwester.

Eine, die auch zu ihren Fehlern stand, war Maria Magdalena. Lange galt sie vielen traditionell als die Sünderin im Neuen Testament schlechthin. Paul Coutinho sieht sie in einem anderen Licht: „Ihre Leidenschaft für das Leben war das Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden. Bis sie Jesus traf, erfüllte sie ihre Leidenschaft in zerstörerischen Beziehungen. Als sie all diese Energie in ihre Beziehung zu Gott in Jesus hineingab, wurde sie eine der größten Liebenden im Neuen Testament. Diese Verwandlung führte sie zu einem Leben in Fülle. Sie behielt inneren Frieden, sowohl im Schmerz der Passion als auch im Jubel der Auferstehung. Zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, stand sie unter dem Kreuz. Verankert in Gottes Liebe war diese Frau auch die erste, die die Auferstehung erfuhr, und den Aposteln vom Auferstandenen erzählte.“ (42f)

Maria Magdalena hat – wie Paulus auch - nicht zurückgeschaut. Sie hat sich von Gott betören lassen und es ihm ermöglicht, ihr Leben zu verändern. Und dieser Frau ist der Auferstandene zuerst begegnet.


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Dieser Beitrag wurde am 04.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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