Gottesdienst am 18. Sonntag im Jahreskreis

aus der Kirche St. Knud in Friedrichstadt

Predigt von Pfarrer Oliver Meik

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

im Volk Gottes der Zeit des Moses machte sich mitten in der Wüste eine Seuche breit: Das Murren.

Das Wort ‚Murren’ wird heute kaum noch verwendet. Aber wenn ich mich so umhöre, dann ist die ‚Seuche des Murrens’, die schleichende Unzufriedenheit, heute weit verbreitet.

Es gibt Gründe für das Murren. Die Israeliten damals hatten keine Nahrung mehr. Sie fanden, das sei schlechte Führung. Bis zum 15. Tag des zweiten Monats haben sie nach dem Auszug aus Ägypten durchgehalten. Dann hatten sie nichts mehr. Ihre Vorräte waren aufgebraucht. Und eine unabsehbar weite Wüstenwanderung stand weiterhin an.

Was sollte das Volk also tun?  Das wusste keiner. Anscheinend hatte auch Mose keine Ahnung. Also murrten die Israeliten gegen ihre Anführer.

Es gibt heute Gründe für ein allgemeines Murren: Unsere Seelennahrung scheint aufgebraucht zu sein. Wie waren an die Fleischtöpfe Ägyptens gewöhnt: an eine gut ausgestattete und schlagkräftig organisierte Kirche mit vielen verschiedenen geistlichen und sozialen Angeboten inmitten einer sozusagen ‚fetten’, einer wohlhabenden Gesellschaft. Wir wähnten, viel besser dazustehen als die Christen in den ärmeren oder weniger organisierten oder unfreieren Ländern der Welt. Es ging uns doch gut.

Aber wahrscheinlich sind wir noch nicht in der Wüste. Das Kennzeichen dafür, dass Israel noch in Ägypten war, war die Versklavung. Es gab gutes Essen – aber keine Freiheit. In Ägypten war Israel abhängig von ungerechten Strukturen, von Strukturen, die töteten, von Strukturen der Sünde. Sogar die männlichen Neugeborenen töteten die Ägypter den israelischen Müttern. Es bestand eine ungerechte Diskriminierung wegen der Volkszugehörigkeit und wegen des Geschlechtes.

Wir sind heute eine ‚fette’ Kirche: behäbig, langsam und fast ohne Nachkommen, tendenziell unfruchtbar. Die Strukturen des letzten Jahrhunderts passten zur gesellschaftlichen Situation des sich entwickelnden Wohlfahrtsstaates; sie passen nicht für eine Kirche im Aufbruch. Noch haben wir Angst vor der Wüste. Der Leidensdruck ist da und das allgemeine Murren wohl auch, aber Gott hat noch keinen Anführer gesandt.

Es braucht ‚einen Propheten wie Moses’. Stattdessen wird uns als Antwort auf lokale Probleme Zentralismus angeboten, soll eine geistliche Krise mit Strukturalismus bekämpft und das Fehlen von Geistlichen durch funktionale Differenzierung überwunden werden.

Das wird nicht gelingen. Solange wir in der Sklaverei ungerechter Herrschafts- und Gesellschaftsformen bleiben, kommen wir nicht in die Erneuerung, gewinnen wir unsere Jugend nicht zurück.

Papst Franziskus hat das am 25.11.2014 im Europäischen Parlament sehr deutlich ausgesprochen:

„Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, die Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist. Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen.

Dazu kommen einige etwas egoistische Lebensstile, die durch einen mittlerweile unhaltbaren Überfluss gekennzeichnet und oft ihrer Umgebung, vor allem den Ärmsten gegenüber gleichgültig sind. Mit Bedauern ist festzustellen, dass im Mittelpunkt der politischen Debatte technische und wirtschaftliche Fragen vorherrschen auf Kosten einer authentischen anthropologischen Orientierung. Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken, der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden.“

Soweit Papst Franziskus.

So lasst uns denn in die Wüste ziehen: durch das Bad der Wiedergeburt, in der Kraft der Taufe, sozusagen durch das Rote Meer hindurch. Die Probleme sind nicht allein unsere, sie sind nach der Analyse des Papstes gesellschaftlich

Und es ist gut, wenn wir kein exklusiver Club sind, sondern gemeinsam mit allen Menschen guten Willens den Weg der Erneuerung gehen.

Wir können für die Völker Europas und der Welt etwas beitragen, dass sich die menschliche Gemeinschaft nicht selbst geben kann: Es braucht das Brot vom Himmel, wenn die Wüstenwanderung gelingen soll.

Jesus ist das wahre Brot vom Himmel, das Brot des Lebens. Wer zu Jesus kommt, wird nie mehr hungern und war an ihn glaubt, wird nie mehr Durst haben. Er ist der ‚Prophet wie Mose’. Er lehrt uns im ‚Vater unser’, um das tägliche Brot zu bitten.

Wie die Israeliten in der Wüste können wir keine Vorräte sammeln. Jeden Tag, jede Stunde brauchen wir Jesus. Doch nicht um satt zu werden, sondern um das Werk Gottes zu tun, um zu glauben. Ohne den Glauben an die Gegenwart des Herrn ist keine Erneuerung möglich. Erst im Glauben an Gott lernen wir, unseren Mitmenschen ganz anzunehmen und uns den Armen wirklich zu schenken.

Herr, gib uns immer dieses Brot! Das Brot des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe! Es ist das Brot eines Volkes, das in der Wüste darum weiß, wer es führt. Es ist ein Volk, das die Freiheit mehr liebt als den Wohlstand.

Wir kommen zwar in die Versuchung, uns nach der alten Zeit der abgesicherten Kircheninstitutionen inmitten des mehr oder minder christlichen Wohlfahrtsstaates zurückzusehnen, doch diese Zeit ist ein für alle Mal vorbei. Unser Murren nützt uns nichts. Das leere Gerede, die Beschwerden übereinander, die Blockaden zwischen vermeintlich konservativen und vermeintlich progressiven Christen führen nicht weiter.

Weiter führt uns Jesus. Weiter führt uns unsere Sehnsucht nach dem Leben, nach dem vollen, ganzen und glücklichen Leben. Wir können heute zugreifen und das Brot des Lebens essen und den Trank des Glaubens trinken – oder es bleiben lassen.

Papst Franziskus sendet uns an die Ränder, die ‚Peripherien’. Er möchte, dass die Kurie, Diözesen, Ordinariate, Generalvikariate, Pfarreien, Gemeinden und, ja alle Gläubigen, wir alle gemeinsam synodal und hierarchisch aufbrechen, um uns den Herausforderungen der anbrechenden Wüstenzeit stellen. Gott überlässt uns die freie Wahl: Ägypten oder Israel. Dazwischen liegen das Meer und die Wüste, das Bad der Widergeburt und das Brot des Himmels.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.08.2021 gesendet.





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