Morgenandacht, 03.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Vom Sinn des Lebens

Das Ziel des Lebens ist nicht, ein guter Mensch zu sein!“ Ich traute meinen Augen nicht und noch weniger meinen Englischkenntnissen. Aber das stand da tatsächlich in dem Buch aus Amerika: „Das Ziel des Lebens ist nicht, ein guter Mensch zu sein.“

Aber genau das Gegenteil hatte man mir von klein auf gesagt. In dem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“ von Paul Coutinho heißt es dagegen: „Es gibt viele gute Menschen auf der Welt. Aber das ist umsonst. Sie sind so gesättigt, so glücklich und so zufrieden damit, gut zu sein, dass sie aufgehört haben zu leben, zu wachsen. Sie existieren nur noch und sind nicht mehr Teil des dynamischen Lebens, das sich fortbewegt und sich tieferen Erfahrungen öffnet. Sie sind wie die, die die Sprache von gestern sprechen zu den Leuten von morgen und sich wundern, was mit den anderen nicht stimmt. Sie träumen und leben die guten alten Zeiten – die längst Vergangenheit und nicht länger Realität sind. Sie haben kein Verlangen nach den unendlichen Möglichkeiten des Lebens, nach dem ´Mehr´. Also in einer Hinsicht werden sie nie in Gott verliebt sein, weil Gott immer größer und tiefer sein wird, immer freier und lebensspendender. Das Ziel des Lebens ist nicht, gut zu sein, sondern besser zu werden.“ (145)

Davon ist Paul Coutinho überzeugt: Dazu braucht es neue und oft auch irritierende Erfahrungen. Und nicht die Routine, die sich manchmal einschleicht im Verhältnis zu Gott. Der Jesuit beschreibt sie so: „Ich bin so glücklich. Ich gehe jeden Sonntag zur Kirche, bin so aktiv in meiner Gemeinde. Ich tue so viele gute Sachen. Ich spende. Und ich bin sicher, ich habe viele Punkte für den Himmel angesammelt. Warum sollte ich dann was verändern? - Das ist gut – ja, das ist tatsächlich gut. Und du hast diese tolle Beziehung zu Gott. Natürlich ist das wundervoll. Ich sage ja nicht, dass es das nicht ist. Aber solche Stimmen führen uns nirgendwo hin. Diese Stimmen sind nicht die von Gott. Gott wird unsere tolle Beziehung zerstören, damit wir in unserer Beziehung zu ihm wachsen und noch besser werden können.“ (146)

Das sind provozierende Worte: Für den Exerzitienleiter sind es gerade die guten Menschen, die in die Irre laufen. Niemand nimmt es mit ihnen an Frömmigkeit auf, sie kennen das Gesetz und leben danach. Aber sie haben keine eigene Identität. Sie vergleichen sich ständig mit dem Rest der Welt. Sie können das Leben nicht feiern, weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen und dann das zugesagte Heil zu verlieren.

So gut zu sein, das kann für den Jesuiten nicht das Ziel des Lebens sein. Worum es im Leben wirklich geht, das erläutert er mit dem Gleichnis vom barmherzigen Vater.

Ein wohlhabender Vater hat zwei Söhne, und der jüngere Sohn bittet seinen Vater, ihm sein Erbteil zu geben. Dann verlässt er das Haus um sich eine schöne Zeit mit dem Geld zu machen, verschwendet es, und ist bald hungrig und arm. Nach langem Leiden kehrt er schließlich nach Hause zurück, reumütig von Herzen. Und der Vater heißt seinen lang verlorenen Sohn mit viel Liebe und Freude willkommen, und lässt eine große Feier vorbereiten, schlachtet das beste fette Kalb. Als aber der ältere Sohn, vom Feld kommt, wird er wütend. Er sagt zu seinem Vater: ‚Wie der letzte Knecht habe ich dir all die Jahre gedient und nicht einmal deine Regeln missachtet.‘ Und er weigert sich, ins Haus zu kommen.“ (146f)

Soweit die Erzählung. Paul Coutinho ergänzt: „Der ältere Sohn war nicht bereit für das Bessere. Er war da und hielt am Guten fest. Aber so – gut wie er war – war er nicht mehr offen für eine größere Liebe wie etwa sein Vater. Er lebte nicht mit seinem Vater in Liebe; tatsächlich sagen uns seine eigenen Worte, dass er nicht wie ein Sohn im Haus seines Vaters gelebt hat, sondern wie ein Knecht.“ (146f)

Sein Herz ist hart. Das Leben hat klare Regeln. Doch die Liebe des Vaters stellt alles auf den Kopf. Der jüngere Sohn wird in Freude aufgenommen. Er lebt, darüber ist der Vater glücklich. Das Leben ist ein großes Abenteuer, in dem es keinen Stillstand gibt. Es ist die Liebesgeschichte zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Wer einmal geliebt hat, weiß: Liebende werben umeinander, sie vergeben, versuchen es wieder neu. Paul Coutinho schreibt: „Da ist immer noch mehr. Gottes Energie ist unerschöpflich.“ (148) Und so kann ich besser werden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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