Am Sonntagmorgen, 25.07.2021

von Ina Rottscheidt, Köln

Wege aus der Krise. Der Jakobsweg und das Heilige Jahr in Zeiten der Pandemie

Der Jakobsweg könnte eigentlich auch "die Jakobswege" heißen: Gemeint sind nämlich gleich mehrere Pilgerwege in Europa, die ein Ziel haben: das angebliche Grab des Apostels Jakobs in Santiago de Compostela in Galicien, Spanien. Er ist der Weg, der seit alten Zeiten von Pilgern des hl. Jakobus und Peter und Paul begangen wird und noch heute zahlreiche Menschen anlockt: Darunter nicht nur Gläubige.

© Damien DUFOUR Photographie / Unsplash

Februar 2020. Einzelne Besucher schlendern durch die Kathedrale von Santiago de Compostela. Baugerüste stemmen sich gegen die hohen Gewölbe. Kostbare Wandvertäfelungen sind hinter Plastikplanen versteckt.

Die Restaurierung ist in vollem Gange: Alles soll bereit sein für das Heilige Jahr. Denn immer, wenn der Gedenktag des Heiligen Jakobus am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, wie 2021, ist das ein besonderes Ereignis, das zehntausende Pilger lockt. 

Gut eineinhalb Jahre vorher ahnen die Menschen noch nichts von der Pandemie, die auf sie zukommt. Die Plaza vor der mächtigen Kathedrale ist leer. Es ist kühl und grau, Nieselregen fällt. Eine kleine Gruppe kommt durch den Torbogen an der Nordseite, wo traditionell ein Musiker mit seiner Gaita, einer Art Dudelsack steht und den Pilgern das Ziel ihrer Reise ankündigt.

Vor der Kathedrale lassen sie ihre Rucksäcke auf den Boden plumpsen. Jubelnd und mit Tränen in den Augen liegen sie sich in den Armen und fotografieren sich. Die schmerzenden Füße und der anstrengende Weg sind vergessen.

„Du kommst durch unterschiedliche Landschaften und lernst neue Orte und Menschen kennen. Das ist eine sehr unabhängige Art zu reisen. Und eine sehr einfache.“

„Das ist immer sehr bewegend, nach so vielen Tagen der Anstrengung: Du bist müde, es regnet, es ist kalt und windig. Und dann erreichst du plötzlich das Ziel.“

Eines der wichtigsten Pilgerziele

Seit mehr als tausend Jahren laufen Menschen nach Santiago de Compostela. Die Stadt ist für Christen eines der wichtigsten Pilgerziele neben Rom und Jerusalem.

Bis heute tragen sie die Jakobsmuschel als Erkennungszeichen um den Hals oder am Rucksack. Ihr Ziel ist die Kathedrale in Santiago de Compostela, wo der Legende nach die Gebeine des Heiligen Jakobus liegen, einer der Zwölf Apostel Jesu.

Bereits zu Lebzeiten soll Jakobus auf der iberischen Halbinsel das Evangelium verkündet haben. Bezeugt ist allerdings nur, dass er im Jahr 43 n. Chr. in Jerusalem den Märtyrertod starb.

Der Heilige Jakobus war wohl selbst nie in Spanien

Wie sein Grab nach Spanien kam, darüber gibt es zahlreiche Legenden. Eine von ihnen erzählt, dass Anhänger seinen Leichnam in einem Boot auf dem Mittelmeer aussetzten. Wind und Wellen sollen es dann bis an die nordspanische Küste getragen haben, wo die Menschen damals das Ende der Welt vermuteten.

Das dortige Grab des Apostels geriet in Vergessenheit und erst im 9. Jahrhundert entdeckte ein Eremit, geleitet von hell strahlenden Sternen, es wieder; an jener Stelle, wo heute die Kathedrale steht. So gab der Heilige Jakobus „Sant Iago“ dem Ort seinen Namen. Der Namenszusatz, „de Compostela“, wird noch heute als „Sternenfeld“ gedeutet.

„Das ist natürlich eine Legende und wie bei allen Legenden ist auch ein Körnchen Wahrheit dran. Nämlich, dass Jakobus der erste Apostel war, der den Märtyrer-Tod gestorben ist.“

… sagt Annette Heusch-Altenstein, die Vizepräsidentin der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft. Dass der Apostel tatsächlich zu Lebzeiten in Spanien war, ist historisch betrachtet eher unwahrscheinlich, ebenso die Erzählung, wie seine Gebeine dorthin gelangten.

Legende sollte Glauben stärken 

Zwar wurden ab dem 8. Jahrhundert tatsächlich viele christliche Reliquien aus dem östlichen Mittelmeerraum vor den dort anrückenden Sarazenen nach Europa in Sicherheit gebracht. 

Doch im Falle des Jakobusgrabes hält Heusch-Altenstein es auch für denkbar, dass durch diese Legende das Christentum auf der Iberischen Halbinsel gestärkt werden sollte.

„Zu der Zeit waren die Mauren schon sehr weit in Spanien Richtung Norden vorgerückt und ein Aspekt war sicherlich, dass man den christlichen Glauben bestärken und andere Menschen dorthin locken wollte. Der Camino Francés, der von den Pyrenäen nach Santiago verläuft, war so etwas wie eine Grenzlinie und das hat ja auch ganz gut funktioniert, dass das Christentum da bestärkt wurde und sich die Mauren peu à peu wieder zurückzogen.“

Am 25. Juli 816 wurden die angeblichen Gebeine des Heiligen Jakobus in Santiago in einer Kapelle beigesetzt. Darauf geht sein Gedenktag zurück. Schon bald kamen erste Pilger, schnell entwickelte sich Santiago zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes.

Im 11. Jahrhundert ließen die spanischen Könige über seinem Grab eine Basilika errichten. Santiago wurde zum Nationalheiligen – auch weil die spanische Krone die Erfolge bei Rückeroberung der iberischen Halbinsel seiner himmlischen Fürsprache zuschrieb. 

Warum pilgern?

Heute pilgern zu normalen Zeiten über 300.000 Menschen im Jahr auf dem Jakobsweg, der nicht ein einziger Weg ist, sondern vielmehr ein weit verzweigtes Netz aus Wegen, die durch ganz Europa nach Santiago de Compostela führen. 

Die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft mit Sitz in Aachen fördert vor allem den Ausbau der deutschen Pilgerwege. Der Verein macht sie bekannt und gibt Tipps für die Reise.

Die Gründe, warum Menschen pilgern, sind vielfältig, sagt Annette Heusch-Altenstein. Für manche ist es eine existenzielle Erfahrung und nicht selten auch eine Form, persönliche Krisen zu bewältigen:

„Was bewegt Menschen? Das ist individuell sehr unterschiedlich. Aber was vielen doch gemein ist, dass es ein Weg ist, auf den sich die Menschen begeben, wenn sie in Umbruchsituationen sind. Wenn sie zum Beispiel das Studium beendet haben und sich fragen: Wie stelle ich mir mein Berufsleben vor? Oder wenn jemand in Rente geht und sich fragt: ‚Wie geht mein Leben denn weiter? Was möchte ich noch erreichen und wie möchte ich leben?‘“

Von aller Schuld befreit

Alle paar Jahre zieht es besonders viele Menschen nach Santiago: Wenn der Gedenktag des Heiligen Jakobs am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, ist Heiliges Jahr. So wie in diesem Jahr 2021. 

„Esta es la puerta del Señor. Los pecadores entrarán por ella.“

Bereits am Nachmittag des Silvestertages 2020 öffnete der Erzbischof von Santiago de Compostela, Julián Barrio Barrio, feierlich die Heilige Pforte: Drei Mal schlug er dabei an die massive, mit Eisen beschlagene Tür im hinteren Teil der Kathedrale.

Wer durch sie hindurchschreitet, an der Heiligen Messe teilnimmt, die Kommunion empfängt und die Beichte ablegt, dem gewährt die Kirche einen vollkommenen Ablass, erklärt Christoph Kühn. Er ist Kunsthistoriker und ebenfalls im Präsidium der Jakobus-Gesellschaft: 

„Insofern ist der Ablass auch etwas Befreiendes: Da wird also ein Packen von einem weggenommen, so dass man auch wieder befreit weiter gehen kann. Es ist, wie wenn man als Pilger mit seinem Rucksack unterwegs ist und stöhnt, weil der so schwer ist und dann kommt einer und nimmt einem die Last ab. Im Grunde ist das so mit dem Ablass.“

Heiliges Jahr in der Corona-Pandemie

Der vollkommene Ablass stammt aus der Tradition der Kreuzzüge, erzählt Kühn. Als die vorbei waren, führte Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300 das Heilige Jahr ein, quasi als Ersatz-Möglichkeit, einen Ablass zu erwerben. Andere Pilgerorte wie Rom und Assisi zogen nach. Und auch in Santiago de Compostela führte man im 15. Jahrhundert ein Heiliges Jahr ein:

„Die brauchten natürlich eine päpstliche Genehmigung. Die haben sie im 15. Jahrhundert nicht bekommen. Und dann haben sie einfach eine gefälscht und gesagt, die hätten sie schon im 12. Jahrhundert erteilt bekommen durch Papst Alexander II. Aber das war eine Fälschung aus der Zeit um 1500 und erst im späteren 16. Jahrhundert hat Papst Sixtus V. dann diese Erlaubnis gegeben.“

Für den aktuellen Erzbischof von Santiago de Compostela Julián Barrio Barrio ist das Heilige Jahr vor allem ein Zeichen der Hoffnung:

„Für uns ist es eine Zeit der Dankbarkeit und des Segens vor allem für die Menschen, die die Hoffnung verloren haben. Es macht die Gegenwart Gottes in unserer Gesellschaft sichtbar und gibt Hoffnung, die wir in schwierigen Zeiten brauchen. Wir haben diese Pandemie und wir haben eine verwundete Gesellschaft. Wir brauchen Heilung und mit der Gnade Gottes kann das Heilige Jahr dazu beitragen.“

Pilgern ist zum Trend geworden 

Längst ist der Camino aber nicht mehr nur ein Weg, auf dem Menschen zu sich und zu Gott finden. Pilgern ist ein Trend geworden. Menschen suchen Entschleunigung, die sportliche Herausforderung oder die Einfachheit beim Reisen. Im Jahr 2019 verzeichnete der Camino mit über 350.000 Pilgern einen Rekord. Anfang der 70er Jahre waren es noch nicht einmal 100.

Papst Johannes Paul II. gab bei seiner Spanien-Reise 1982 den Impuls. Als erster Papst überhaupt besuchte er Santiago de Compostela. Dabei erinnerte er an die christlichen Wurzeln Europas und die europäische Dimension des Jakobspilgerns.

„Die Pilgerfahrt nach Santiago bringt seit Jahrhunderten die Völker Europas zusammen und fördert das gegenseitige Verständnis. Bis heute gibt es eine europäische Seele, deren Basis die gemeinsamen christlichen und humanistischen Werten sind. Darum rufe ich Johannes Paul, dir, Altes Europa, von Santiago aus zu: Kehre um! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln neu!“

Der Europarat griff die Idee auf, erklärte 1987 den Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg und rief zur Wiederbelebung dieser "europäischen Kulturbewegung" auf. Seitdem sind immer mehr Menschen auf dem Camino unterwegs. Auch gezielte Marketingkampagnen der galizischen Regierung und der Ausbau von Herbergen und Infrastruktur trugen dazu bei. 

Nicht nur Katholiken machen sich auf den Weg

Es ist voll geworden auf dem Jakobsweg: Pauschaltouristen, Pilger auf E-Bikes, organisierte Rucksacktransporte, Warteschlangen vor der Kathedrale und Gepäckverbot innen drin. Die Kommerzialisierung fordert ihr Tribut.

Der Pfarrer Marcos Torres Gómez sieht das kritisch: Seine Gemeinde liegt in dem kleinen Ort Lalín, am so genannten „Winterweg“:

„Der Katholizismus ja universell, d.h. unser Glauben und alles, was damit zu tun hat, ist für die gesamte Menschheit. Auch der Jakobsweg: Seine Wurzeln sind katholisch, der Sinn des Pilgerns ist katholisch. Aber natürlich kann jeder auf ihm gehen und schauen, was der Weg mit ihm macht. Aber mich ärgert, wenn andere Institutionen diesen Jakobsweg einfach für sich beanspruchen und seine christlichen Wurzeln dabei ignorieren. Also, dass da einfach eine christliche Tradition gekapert wird, das stört mich wirklich.“

Auch Annette Heusch-Altenstein von der deutschen Jakobus-Gesellschaft sieht die Besucherströme mit einigem Argwohn. Wenn sie pilgert, ist sie meist auf den abseitigen Wegen unterwegs. Sie sagt aber auch:

„Da sollte man aber nicht allzu überheblich sein, was das dem Einzelnen bringt, auch demjenigen, der vielleicht nicht aus religiösen Gründen geht, wenn der dadurch ein bisschen mehr zum Europäer wird, ist es doch auch gut. Also, da würde ich nicht urteilen wollen.“

Pilgern mit Hygienekonzept 

Doch Corona hat alles verändert. Spanien wurde schwer von der Pandemie getroffen. Seit Frühjahr 2020 ist der Camino so leer wie schon lange nicht mehr. Für die vielen Herbergsbesitzer, Restaurants und Dörfer am Rande des Camino eine wirtschaftliche Katastrophe. 

Zusammen haben die Gemeinden Sicherheits- und Hygienekonzepte entwickelt, um das Pilgern zu ermöglichen und Wege aus der Krise zu finden. Aber so wie vorher ist es noch lange nicht, sagt Christoph Kühn von der Jakobus-Gesellschaft:

„Pilgerherbergen öffnen nach und nach wieder, sind aber auch Beschränkungen unterworfen. Und in Mehrbettschlafräumen dürfen nur Personen untergebracht werden, die auch zusammen unterwegs sind, also keine Fremden. Das schränkt natürlich die Bettenkapazität enorm ein und das wird jetzt im Juli und August noch mal für große Probleme sorgen, weil dann auch die Spanier Ferien haben und auch auf den Jakobsweg gehen.“

Die deutsche Jakobusgesellschaft verzeichnet daher ein zunehmendes Interesse an den deutschen Pilgerwegen, die zum Beispiel von Fulda nach Trier oder von Nürnberg zum Bodensee führen.

Heiliges Jahr geht bis 2022 

Wegen der unklaren Pandemielage und der schweren Planbarkeit rät Kühn dazu, einen Besuch am Grab des Heiligen Jakobus auf das kommende Jahr zu verschieben.

Den Segen von höchster Stelle gibt es auf jeden Fall: Der Papst höchstpersönlich hat erlaubt, dass das Heilige Jahr bis 2022 verlängert wird.

Das gab es erst drei Mal in der spanischen Geschichte. Für Erzbischof Julián Barrio ist das eine große Freude: So wird am Ende doch jeder, der will, die Chance haben, nach Santiago de Compostela zu kommen:

„Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum Menschen uns besuchen, aber jeder von uns hat doch tief in sich drängende Fragen, auf die er Antworten sucht. Ich sage immer: Am Ende kommen sie alle als Pilger zu uns.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Santa Maria amar – Camino de Santiago: Medieval Music from Spanish Pilgrimage


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Dieser Beitrag wurde am 25.07.2021 gesendet.


Über die Autorin Ina Rottscheidt

Ina Rottscheidt ist Redakteurin bei DOMRADIO.DE. Sie studierte Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Romanistik in Köln und Madrid. Ihre Journalistenausbildung absolvierte sie beim ifp in München. Sie arbeitete für diverse Sender, u.a. für die Deutsche Welle, WDR 5 und den Deutschlandfunk. Ihr Schwerpunkt sind die Themen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Lateinamerika und Weltkirche.  

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