Wort zum Tage, 22.07.2021

Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Barmherzigkeit

Barmherzigkeit – ein sperriges Wort, so altmodisch! Oder?

Wer barmherzig ist, der öffnet sein Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an; der übt tätige Nächstenliebe! Klingt anstrengend, irgendwie aus der Zeit gefallen! Oder?

Dabei ist Barmherzigkeit voll uralter Weisheit UND hochmodern: Barmherzigkeit ist existenzielle Betroffenheit im Innersten und ein Tun, das mehr ist als ein bloßes Gefühl des Mitleidens.

Barmherzigkeit gilt als Eigenschaft Gottes; als eine, der wichtigsten Pflichten nicht nur der monotheistischen Religionen, sondern auch anderer Welt-Religionen.

Aber es bleibt bei der Frage: Barmherzigkeit, was soll das sein? Oder besser: Wie soll ich sein, wenn ich Barmherzigkeit praktisch leben will?

Hier hilft mir eine Kurzformel – Die sieben Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Alle nachzulesen in der Bibel.

Nun gut! Lesen ist das eine – darüber nachzudenken und es dann auch noch zu tun, das ist etwas anderes! Dabei gibt es sicher Werke, die gehen mir einfach von der Hand. Andere verdränge ich lieber, weil es mir zu unbequem ist, mich darauf einzulassen.

Dabei legt allein das Wort Barmherzigkeit mir persönlich den Maßstab niedriger, ohne die Anforderung an mich zu schmälern!

Das Arme sehen und ein Herz dafür haben – so beginnt Barmherzigkeit. Und wenn ich dann auf das Arme schaue, dann sehe ich Not; eine Not, die mir in den Medien vor Augen geführt wird.

Und meine Reaktion: Ich kann spenden und so nicht nur mein Mitgefühl zeigen, sondern jemand anderen beauftragen, etwas Not-wendiges zu tun!

Dabei muss ich keine persönliche Beziehung zwischen dem Bedürftigen und mir aufbauen. Alles bleibt anonym. Der Andere, der Bedürftige, bleibt namenlos.

Und das ist dann auch die Herausforderung, die ich in den Werken der Barmherzigkeit erkenne.

Eben nicht nur hinsehen, sondern mich von der Bedürftigkeit des anderen so berühren zu lassen, dass ich mich ihm oder ihr zuwende, dass ich beginne, etwas zu tun, dass Not wendet!

Natürlich muss ich mir hier meine Grenzen eingestehen; ich kann nicht alle retten; aber das meint Barmherzigkeit auch nicht!

Barmherzigkeit ist MEIN persönlicher Umgang mit der KONKRETEN Armut des Menschen, der da gerade vor mir steht. Und wenn ich dies zum Maßstab mache, dann wird Barmherzigkeit für mich alltäglich.

Dann ist Barmherzigkeit keine religiöse Fingerübung, sondern bedeutet einzig und allein, menschlich mitfühlend und zugewandt zu sein.

Dann ist Barmherzigkeit ein humanistisches Weltgefühl, die größte aller Tugenden!


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Dieser Beitrag wurde am 22.07.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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