Gottesdienst am 16. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche „Zur Heiligen Familie“ in Karlstadt

Predigt von Pfarrer Simon Mayer

„Die Luft ist raus!“

Das ist das Gefühl, das sich bei vielen in Bayern breit macht, wenn der Juli zur Hälfte rum ist.

„Die Luft ist raus!“

Bei den Schülerinnen und Schülern so kurz vor dem Ende des Schuljahres; bei den Eltern, bei denen das Arbeitsjahr – zumindest gefühlt – im Sommer endet, vielleicht auch noch bei denen, die nicht mehr an den Ferienzeiten der Schulen hängen.

Dieser Rhythmus einer Sommerpause, die uns aufatmen lässt und Erholung verspricht, ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Dieses Gefühl haben wir schon in normalen Jahren.

Um wieviel mehr in dieser herausfordernden Zeit, in der seit fast anderthalb Jahren ein kleines, fieses, immer wieder mutierendes Virus unser Leben im Griff hat.

„Die Luft ist raus!“

Beim Maske tragen und Abstand halten, beim Testen und beim Warten auf den Impftermin, auch bei Home-Office und Home-Schooling. Ein Ministrant sagte zu mir einmal vor dem Gottesdienst:

„Ich hab‘ ja nicht einmal mehr Bock am Computer zu zocken, wenn ich schon den ganzen Tag vor der Kiste sitzen muss.“

Ja, da ist die Luft raus.

„Die Luft ist raus!“

So scheint es auch im heutigen Evangelium bei Jesus und seinen Jüngern zu sein. Diese kommen zurück von ihrem ersten selbstständigen Missionseinsatz, von ihrem ersten Praktikum. Was sie Jesus haben tun sehen und verkünden hören, das sollten sie jetzt selbst ausprobieren.

Jesus hatte sie ausgesandt, zu zweit mit klaren Vorgaben: Nichts sollten sie auf dem Weg mitnehmen außer Stab, Hemd und Sandalen an den Füßen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld. Nicht einmal ein Hemd zum Wechseln. Sie sollten in Jesu Vollmacht unreine Geister austreiben und das Reich Gottes bei den Menschen spürbar werden lassen. Sie sollten nicht nur drüber reden, sie sollten es wirklich spüren lassen. Wie lange sie unterwegs waren?

Das Evangelium erzählt es nicht. Jetzt kommen sie zurück und sie scheinen auch Erfolg gehabt zu haben, jedenfalls sind eine ganze Menge Menschen da, die kommen und gehen, so dass sie, kaum zurückgekehrt, nicht einmal Zeit zum Essen finden. Die Jünger wollen erzählen, was sie erlebt haben, was geklappt hat und wo sie gescheitert sind, vor allem aber wollen sie Ruhe finden von den Strapazen und neuen Atem fassen. Da kommt von Jesus der fast schon erlösende Satz:

„Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“

Die Aussicht zur Ruhe zu kommen, neuen Atem und neue Kraft zu fassen, jetzt, wo die Luft raus ist, ist wohltuend. Denn sie kommen von den Menschen nicht los und auch nicht zur Ruhe. Denn bald schon werden sie für Jesus zum Tischdienst herangezogen. An den Abschnitt des heutigen Evangeliums schließt sich die Speisung der 5000 an. Denen sollen die Jünger aufwarten. Zur Ruhe kommen, neue Kraft und neuen Atem schöpfen? – Weit gefehlt!

Die Erfahrung, die wir mit diesem kleinen fiesen Virus gemacht haben, lässt uns vielleicht auch skeptisch auf die Möglichkeiten blicken, in diesem Sommer wirklich zur Ruhe zu kommen. Werde ich wirklich durchatmen und mich erholen können?

Das Virus schert sich nicht darum, ob bei mir die Luft raus ist, ob ich Ruhe und Abstand von all den notwendigen Maßnahmen brauche, die nun schon so lange unser Leben bestimmen, die den Urlaub schon mehrfach haben ausfallen lassen und - wenn wir ehrlich sind - wohl auch den Urlaub jetzt in den Sommerferien anders machen, vielleicht gar nicht so erholsam, wie wir es uns wünschen würden.

Und wie wird es im Herbst weitergehen? Das Damoklesschwert von neuen Mutationen, die sich als Mitbringsel ins Urlaubsgepäck schmuggeln, Mutationen, gegen die die Impfung nicht wirken könnte, ist beängstigend.

Der Abschnitt des heutigen Evangeliums hat im Gesamtzusammenhang des Markusevangeliums eigentlich keinen eigenen Stand. Er besitzt den Charakter eines Übergangs. Die Apostel kommen von ihrem Missionspraktikum zurück, die Luft ist raus bei ihnen, sie würden gerne neuen Atem schöpfen, kommen aber der Menschen wegen nicht dazu und sehen sich von Jesus gleich zum Tischdienst eingeteilt: Zwölf, um 5000 zu bedienen!

Es ist die Erzählung von einer gescheiterten und doch so bitter nötigen Erholungszeit. Bei den Jüngern ist die Luft raus, aber sie kommen nur dazu, ganz kurz Luft zu schnappen, bevor es weiter geht. Und vielleicht liegt genau darin, in diesem kleinen Moment des Luftschnappens, der Wert und der Mehrwert des heutigen Evangeliums!

Wenn die Luft raus ist, dann heißt das, dass ich sie verbraucht habe. Dass ich meine Kräfte eingesetzt habe, dass ich eine Leistung erbracht und meine Arbeit getan habe, ohne mich zu schonen, ohne das Leben zu verbummeln und meine Lebenszeit zu vergeuden. Dass ich mich den Herausforderungen dieses Lebens und auch dieser besonderen Zeit gestellt habe.

Ich habe mich müde gelebt, ganz gelebt. So darf ich dann, wenn die Luft raus ist, auch erst einmal zufrieden zurückschauen auf das, was ich da geleistet habe, wofür ich meine Luft und mein Leben eingesetzt habe. Und ich darf gelassen zurückschauen, auch wenn ich manches, was ich vor hatte, nicht geschafft habe.

Vielleicht habe ich sogar mehr geschafft, als mir bei diesem kurzen Blick zurück klar werden kann. Vielleicht entdecke ich auch Grund zur Dankbarkeit und Grund zum Vertrauen, weil ich in diesem Rückblick auch Gottes Spuren sehen kann …

So ist dann gerade dieser Moment, wenn die Luft raus ist und ich das erste Mal Luft schnappen kann – wenn auch nur kurz, weil es dann gleich wieder weiter geht –, ein Moment der Gnade, der Befreiung und des Lebens. Vielleicht kann dieser Gottesdienst ein solcher Moment sein.

Mögen Urlaub und Ferien - trotz allem - solche Momente enthalten! Möge vor allem auch der Alltag, gerade, wenn er noch so herausfordernd sein mag, solche Momente schenken. Sie finden sich manchmal schon im ersten Atemzug, wenn ich die Maske absetzen darf…


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Dieser Beitrag wurde am 18.07.2021 gesendet.





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