Morgenandacht, 02.03.2015

von Andreas Brauns aus Schellerten

Verführt von Gott

Gott betört und verführt Menschen. Was für ein ungewöhnlicher Gedanke. Gelesen habe ich ihn in dem Buch „Just as you are“, „So wie du bist“. Geschrieben hat es der indische Jesuit Paul Coutinho. Er ist in Indien und Nordamerika ein gefragter Exerzitienleiter und geistlicher Lehrer. Und überzeugt davon: Gott betört und verführt Menschen, weil er liebt. Er betört und verführt, weil er das Leben in Fülle schenken will.

Gott verführt, dass behauptet der Ordensmann nicht einfach so, nein, er nennt prominente Beispiele aus der Bibel.

Allen voran den Propheten Jeremia. In dem biblischen Buch, das nach ihm benannt ist, heißt es: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt.“ (Jer 20,7)

Du hast mich betört, O Herr. Das ist kein Übersetzungsfehler, das sind die Worte des Propheten. Das sind die Worte eines Liebenden, dem jemand den Kopf verdreht hat. So klingt es jedenfalls. Das Schicksal des Propheten ist: Gott liebt ihn. Weil er dazu steht, wird der Prophet von anderen verhöhnt. Im Buch Jeremia heißt es weiter: „Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. (Ich quälte mich es auszuhalten und konnte nicht.)“ (Jer 20,9)

So etwas kann nur ein Mensch sagen, der über beide Ohren verliebt ist. Sozusagen hingerissen vom Gegenüber. Er kann seine Liebe nicht leugnen. Jeremia hat sich eingelassen auf den werbenden Gott. Es gibt in der Bibel noch mehr Beispiele. Und noch viel mehr in der Geschichte der Menschheit.

Paul Coutinho schreibt: „Durch diese Geschichten können wir sehen: Gottes Muster ist die Verführung. Aber es ist eine andere Art der Verführung: Von Gott verführt zu werden ist eine Einladung zu sterben. Es ist eine Einladung loszulassen und aufzugeben. Gott ruft uns und wirbt um eine neue Beziehung. Und um diese Beziehung zu vertiefen muss unser altes Selbst, muss unsere alte Identität, so wie wir sie kennen, sterben.“ (28)

Aber wenn das Gottes Muster ist, dann ist die Frage berechtigt: Wer lässt sich darauf ein? Bei Coutinho heißt es pointiert: „Warum würde irgendjemand sich so verlieben wollen?“ (28)

Der indische Jesuit gibt seine Antwort. Und die hat es in sich: „Wer sich weigert, sich von Gott betören zu lassen, verzichtet auf das unermessliche Geschenk der Erfahrung des göttlichen Lebens. Das aber bedeutet, nicht wirklich menschlich zu sein. Wenn ich mich weigere, von Gott betört zu werden, dann verzichte ich darauf, meine eigene Identität zu kennen. Nicht loszulassen, nicht aufzugeben, und nicht selbst zu sterben, das führt ins Elend.“(28)

Das aber widerspricht dem modernen Denken: ich will mein Leben selbst im Griff haben. Selbst dann, wenn es mich immer wieder überfordert, weil ich eben nicht alles machen kann.

Gott gibt nicht auf. Immer und immer wieder wirbt er um Menschen, betört sie und zeigt sich als der große Verführer hin zum Leben. Und in einem stillen Augenblick kann sich jeder Mensch fragen: „Wann habe ich Gottes verführerische Einladung in meinem Leben gespürt?“ (28), so Paul Coutinho. Man könnte auch fragen: Wann habe ich etwas erfahren? Wie wichtig das ist, hat schon der große Theologe Karl Rahner festgehalten: „Der Fromme von Morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ (Karl Rahner, Schriften, VII 22)

Er wird nicht mehr sein, wenn er keine Antwort gegeben hat. Oder wenn er Gottes Werben kurz beantwortet hat, ohne danach sein Leben zu verändern.

Paul Coutinho schreibt: „Wenn du von Gott verführt wirst, ist da dieses brennende Verlangen in dir: Du kannst dich nicht zurückziehen, weil Gott der Verführer ist. Und wenn du dich einmal in ihn verliebt hast, wenn er einmal deinen Weg gekreuzt hat, ist es sehr schwer, dich fernzuhalten. Der erste Schritt ist: mich selbst zu öffnen für Erfahrungen: Von Gott verführt zu werden und zu antworten wie Abraham, Mose und Jeremia. … Und dieser Versuchung nachzugeben ist das erste Zeichen der Liebe zu Gott.“ (29)

Das klingt mehr als ungewöhnlich. Aber was spricht dagegen, es tatsächlich einmal zu versuchen und mich so wie ich bin einzulassen auf Gott.


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Dieser Beitrag wurde am 02.03.2015 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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