Morgenandacht, 17.07.2021

von Susanne Bauer, München

Entschiedenheit

Er ist fünf Jahre alt, trägt eine kurze Hose und ein Supermann T-Shirt. In der verschwitzen Hand hält er einen Euro und leckt sich erwartungsfroh über die Lippen. Noch ein kurzer Blick zur Mama. Die lacht ihm zu und sagt:

"Das schaffst du schon!"

Dann wendet er sich wieder der großen Vitrine zu. Jetzt ist er an der Reihe. Der nette italienische Eisverkäufer lächelt zu ihm hinunter und fragt:

"Was möchte denn der junge Herr?"

Oh je, jetzt muss er sich entscheiden: Vanille, Erdbeere oder Schokolade? Unsicher wiegt er den Kopf hin und her und zuckt schließlich ein wenig hilflos mit den Schultern. Da ertönt die Stimme des Eisverkäufers

"Prendere una coppa di vanillia per oggi! Wie wär's für heute mit einem Vanilleeis?!"

Da strahlt der Bub plötzlich übers ganze Gesicht und sagt aus ganzem Herzen:

"Ja, danke, und, und morgen nehme ich Schokolade!"

Der kleine Bub hat eine Entscheidung abgenommen bekommen und gewinnt dadurch die Sicherheit das nächste Mal selbst zu entscheiden. Sind so etwas nur schöne Kindheitserinnerungen?

Wir werden erwachsen, sind stolz darauf eigenständig abzuwägen. Wir legen oft großen Wert darauf, unser eigener Herr, unsere eigene Herrin zu sein und uns nicht fremd bestimmen zu lassen.

Doch: Es ist ein schmaler Grat zwischen Wahl und Qual. Die freie Wahl haben ist immer nur die eine Seite der Münze, deren Kehrseite Entscheidung heißt. Ohne Entscheidung bleibt Freiheit in der Luft hängen.

Immer wieder erleben wir Situationen, wo wir hin- und hergerissen sind zwischen: Soll ich oder soll ich nicht? Immer und überall gibt es gleichwertige Möglichkeiten. Heute kann ich mich so entscheiden und morgen vielleicht so. Wie oft höre ich von Jugendlichen den Satz:

"Es ist doch eigentlich eh egal, wie ich mich entscheide."

Dann stelle ich mir manchmal vor, mein Mann hätte am Standesamt oder in der Kirche nicht „Ja“ gesagt, sondern:

"Es ist doch eh egal wie ich mich entscheide, wir werden dann schon sehen, wie es läuft."

Ja, Entscheidungen zu treffen ist nicht immer einfach. Jede gefällte Entscheidung hat Konsequenzen, mit denen wir und auch andere leben müssen. Wir treffen übrigens täglich um die 20.000 Entscheidungen und viele laufen einfach so im Unterbewusstsein ab.

Mit Entschiedenheit seinen persönlichen Weg gehen, ist allerdings ein ganzes Stück mehr. Es heißt bewusst Optionen auszuschließen, sich auch auf etwas einzulassen, das man noch nicht bis ins Letzte überblicken kann und auf etwas vertrauen, was sich bestenfalls erahnen lässt.

Das trifft auf alle grundlegenden Lebensentscheidungen wie Partnerschaft, Familie und Beruf zu. Sie alle bauen immer darauf, dass Visionen und Hoffnungen nicht dazu da sind, alle in Erfüllung zu gehen, sondern dass man die Kraft und Energie bekommt loszulaufen.

Das ist die Zahlkraft der Münze auf deren einer Seite Freiheit steht und auf der anderen Entscheidung.

Ich glaube: Entscheidungen können zu einer persönlichen Energiewende werden. Denn Unentschlossenheit und dauerndes Abwägen lähmen uns ebenso, wie immerwährende Freiheit, die alles offenlässt, Kraft kostet. Deshalb ist Mut zur Entscheidung gefragt, die dann wieder ganz neue Freiheiten mit sich bringt.


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Dieser Beitrag wurde am 17.07.2021 gesendet.


Über die Autorin Susanne Bauer

Susanne Bauer, Jahrgang 1966, studierte in München Theologie und arbeitet seit 1993 als Pastoralreferentin in München mit derzeitigem Dienstsitz in der Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig.
Kontakt: sbauer@ebmuc.de

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