Wort zum Tage, 08.07.2021

Dietmar Kretz, Würzburg

Videobeweis

Am kommenden Sonntag geht die Fußballeuropameisterschaft zu Ende. Und natürlich hatten die Schiedsrichter wieder eine Menge zu tun. Entscheidungen mussten her: War die Hand im Strafraum noch dran? Mit Absicht? Elfmeter ja oder nein?

Das ist nicht so einfach. Doch für den Fall der Fälle zeichnet der Schiedsrichter mit seinen beiden Zeigefingern ein Quadrat in die Luft und schaut sich den Videobeweis an.

Der gehört mittlerweile zum StandardWie praktisch das doch ist: den Film zurückdrehen und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Die Tat und der Täter werden entlarvt und viele Entscheidungen bekommen so eine gute Basis.

Im Leben haben wir das nicht, so sehr wir uns das vielleicht manchmal wünschen würden. Es wäre nämlich klasse, wenn ich noch einmal so genau zurückschauen könnte: Was habe ich denn wirklich gesagt? Wie kam es denn bei den anderen an?

Da ist jemand aus dem Team verletzt oder in der Familie ist wegen einer Bemerkung dicke Luft. Vielleicht weiß ich nicht warum oder ahne es bestenfalls. Jetzt so ein Videobeweis. Und sicher würde ich so manchen Film auch gerne generell zurückdrehen und beim dann möglichen zweiten Versuch etwas ganz anderes tun.

Doch das geht nicht. Mein Leben – das ist Echtzeit. Was ich tue ist Fakt – und das ist gut so. Denn Fehler passieren, das gehört zum Mensch-Sein dazu, mit seinen Stärken und Schwächen, mit all den Emotionen, die dem Leben erst seine Würze geben – die gerade auch der Grund sind für die Stärken wie für die Schwächen gleichermaßen.

Wenn ich einmal ein Foul gemacht habe, dann kann ich mich entschuldigen, um Verzeihung bitten und – soweit es möglich ist – Schaden wieder gut machen. Irgendwie braucht es da auch keinen Videobeweis.

Denn ich darf hier ruhig auf mein Herz hören oder im Sinne des Miteinanders manchem Hinweis aus meinem Umfeld vertrauen.

Als gläubiger Mensch denke ich: Auch Gott braucht keinen Videobeweis. Er kennt mich und mein Leben. Ein Psalm drückt das so aus:

„HERR, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch. Aus der Ferne erkennst du, was ich denke. Mein ganzes Leben ist dir vertraut.“

Diese Nähe erdrückt mich nicht. Denn Gott ist ja auch kein Schiedsrichter, der mir die rote Karte zeigt. Er sagt Ja zu mir mit meinen Stärken und Schwächen. Und er ermutigt mich zu meinen guten Seiten und auch zu meinen Fehlern zu stehen, denn: beides gehört zu mir.


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Dieser Beitrag wurde am 08.07.2021 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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