Wort zum Tage, 07.07.2021

Dietmar Kretz, Würzburg

Kupplung gesucht

Tjerk Ridder steht am Rand einer vielbefahrenen Straße, streckt seine Hand aus und hält den Daumen nach oben. Per Anhalter fahren. Vor 10 Jahren ist er aus seiner Heimatstadt Utrecht nach Istanbul getrampt.

Doch nicht die 6000 Kilometer, 3000 hin und 3000 zurück, sind das Problem sondern sein Reisegepäck: Denn neben ihm steht sein Wohnwagen, aber kein Auto. Per Anhalter sucht er eine Anhängerkupplung, die ihn ein Stück weiter zieht. Wohin, das überlässt er dem Zufall.

Mit dabei sind noch sein Reisebegleiter und seine Dackeldame Dachs. Tjerk Ridder hatte mit dieser merkwürdigen Methode tatsächlich Erfolg: Die kürzeste Wartezeit am Straßenrand betrug fünf Minuten. Am längsten waren sie drei Tage an einer Raststätte in Deutschland - bei Minus 17 Grad.

Viele Menschen schauen ihn verblüfft an, erklären ihn für verrückt. Doch er kommt an. Am Ende haben ihn 53 Kupplungen vorwärts gezogen.

Der Theaterkünstler hat sich auf seiner Reise bewusst in eine Situation begeben, in der er von anderen abhängig ist. Er wollte herausfinden: Wie kann man Verbindungen zu Menschen aufbauen? Und was passiert wenn man auf Reisen abhängig ist von der Hilfe anderer? Das wurde zum Motto der Aktion:

„Ich brauche andere Menschen, um voranzukommen.“

Tjerk wollte auf ein Grundbedürfnis im Menschen aufmerksam machen: Ich brauche in meinem Leben ein Du, ein Gegenüber. Vielleicht ist das sogar ein Bekenntnis, das heute nicht mehr so leicht fällt.

Denn oft bekomme ich doch gerade dann Anerkennung, wenn ich mich allein durch etwas hindurchgeboxt habe. Für mich bringt das ein vertrautes Sprichwort zum Ausdruck: Jeder ist sich seines Glückes Schmied.

Doch manchmal brauche ich halt so eine Kupplung, an die ich mich anhängen kann. Es tut mir gut, wenn mir jemand die Tür aufhält. Ein gutes Wort für mich hat. Wenn jemand sieht, dass ich auf der Arbeit überlastet bin oder mir von seiner Zeit schenkt. Im Grunde ist das Solidarität.

Nach dem Soziologen Heinz Bude gründet sie in der Erkenntnis und Erfahrung: gemeinsam geht es besser. Und in manchen Situationen muss ich dann eben auch auf mich aufmerksam machen, den Daumen hochhalten und darum bitten: Nimm mich ein Stück mit.

Tjerk Ridder hat diese Erfahrung auf seiner Kupplungs-Tour immer wieder machen dürfen: Manchmal schon nach fünf Minuten und manchmal auch erst nach drei Tagen bei Minus 17 Grad.


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Dieser Beitrag wurde am 07.07.2021 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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