Wort zum Tage, 06.07.2021

Dietmar Kretz, Würzburg

Immer

"Ich kann das nicht mehr sehen",

ruft die Mutter aus dem Zimmer.

"Immer lässt Du Deine Socken liegen. Ständig räum ich Dir hinterher. Und hier - die Flaschen, räum sie doch mal weg und lass nicht immer so einen Rest drinnen."

Die Tochter geht in Angriffsposition:

"Hör auf damit - immer nörgelst Du an mir rum."

Man sieht: Es gibt die Worte, die können wie ein Holzhammer sein. Dazu gehört das kleine und unscheinbare Wörtchen „immer“. Was für eine Gewalt kann davon ausgehen. Gerade wenn ich meinem Gegenüber sage, was mich an ihm oder ihr stört. Die fünf Buchstaben sind wie eine unsichtbare Kette.

Und mit dem kleinen „typisch“ kann ich an diese Kette ein großes Gewicht hängen. „Das machst Du immer so, typisch“. Stempel drauf und ab in die Schublade.

Dieses kleine Wörtchen „immer“ macht versteckt, meist völlig unbewusst, einen Fehler an eine Person fest. Wenn ich „immer“ sage, dann glaube ich im Grunde nicht mehr daran, dass sich mein Kind, mein Partner oder Gegenüber ändern kann.

So eine Festlegung macht aggressiv und die Antwort kommt oft mit der gleichen Wut zurück: Der Teufelskreis setzt sich in Bewegung und eine Verletzung ist da – wegen ein paar Socken, nicht weggewischten Brotkrumen oder der berühmten Zahnpastatube.

Neben der Gegen-Aggression kann ein Mensch aber auch völlig anders auf so eine Festlegung reagieren: Er oder sie wird still und zieht sich zurück. Auch auf diese Weise ist die Kommunikation gestört und die Beziehung wird abgebrochen. Vieleicht mit der inneren Botschaft:

„Du hast ja recht.“

Aggression und Rückzug sind ein Schutz, denn eine solche Pauschalisierung und Festlegung macht mich klein. Das mag in den flüchtigen Begegnungen im Alltag kein großes Problem sein. Aber das ist es dort, wo wir vertraut miteinander umgehen: In der Familie, bei der Arbeit oder im Verein.

Aber was hilft dagegen? Wenn mir selbst jemand ein „immer“ hinhängt, kann ich nachfragen, was er oder sie denn konkret damit meint. Und das Konkrete hilft auch mir, wenn mir das „immer“ über die Lippen kommt.

So entwische ich der Pauschalisierungsfalle und das gibt Luft zum Atmen. Vielleicht hilft es aber auch, den einen oder anderen Hinweis mit einem kleinen Augenzwinkern zu versehen.

Es soll ja Familien geben, die eine Vereinbarung haben, dass jeweils dann, wenn ein Familienmitglied „immer“ sagt, ein anderer einhaken darf:
Nein! Nicht immer, nur manchmal!

Dann wird alles etwas entspannter - nicht immer, aber immer öfter. Manchmal halt!


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Dieser Beitrag wurde am 06.07.2021 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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