Wort zum Tage, 05.07.2021

Dietmar Kretz, Würzburg

Nansenpass

Was haben der Komponist Igor Strawinsky, der Reder Aristoteles Onassis und der Maler Marc Chagall gemeinsam? Sie waren einst als Flüchtlinge staatenlos und hatten in jungen Jahren den sogenannten „Nansen-Pass“.

Am 5. Juli 1922, heute vor 99 Jahren, hat der damalige Völkerbund diesen besonderen Ausweis in Kraft gesetzt. Es geschah auf Betreiben des norwegischen Polarforschers und Diplomats Fridtjof Nansen, der sich als Hochkommissar des Völkerbundes um Menschen kümmern sollte, die nach Kriegen oder Revolutionen in ihrem Land staatenlos geworden waren.

Damit waren sie schutzlos und von niemandem erwünscht. Zwischen 1 und 2 Millionen Menschen waren alleine nach der russischen Revolution von jetzt auf nachher heimatlos.

Nansen wollte diesen Menschen nicht nur das Lebensnotwendige sondern einen gültigen Pass geben – auch wenn sie staatenlos waren. Mit diplomatischem Geschick fand Nansen damit eine humanitäre Lösung und erfand den ersten Flüchtlingsausweis.

Damit konnten sich die Betroffenen Wohnung und Arbeit suchen, heiraten und zwischen den Ländern reisen, die dem Dokument zugestimmt hatten. Vor allem gab der Ausweis eine Identität und damit ein Stück Würde wieder. Dem diente auch die kleine Gebühr, die in Form einer Marke gezahlt werden musste. Der Pass sollte die Besitzer nicht zu Almosenempfängern degradieren sondern ihre Selbsthilfekräfte aktivieren.

Der Mut von Fridtjof Nansen, sein Mitgefühl und seine Taten wurden noch im selben Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Mir imponieren diese Pioniere der Menschenwürde. Sie sind ein Vorbild für den Umgang mit Flüchtlingen heute. Denn Nansen ging es nicht nur um die Linderung der akuten Not. Bei alldem begleitete ihn die Frage: Was gibt diesen Menschen ihre Würde zurück?

Fritjof Nansen folgte damit für mich dem Vorbild Jesu, der den Notleidenden in seiner berühmtesten Rede auch so eine Art Pass ausgestellt hat. Bei der Bergpredigt nennt Jesus sie selig. Selig sind die Unterdrückten, die Armen, die Trauernden, denn Gott hat sie besonders im Blick, sagt er da.

Das waren keine Sonntagsreden auf dem Berg sondern so ging er auch mit ihnen unten im Tal um, wenn er sie heil werden ließ oder sich mit ihnen an den Tisch setzte.

Heute sagen wir es so: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für Fritjof Nansen war das in seinem Handeln maßgeblich.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 05.07.2021 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche